Swans – Where Does a Body End

(CA 2019; Regie: Marco Porsia)

Die ganze Geschichte der Musik

Einer der Sätze, der in diesem Dokumentarfilm so oder ähnlich wiederholt fällt, lautet: „Mit Worten kann ich das nicht beschreiben.“ Ein anderer Satz, der immer wieder von verschiedenen Personen ausgesprochen wird, geht so: „Es gibt nichts damit Vergleichbares.“ Die Rede ist von den Swans und der eigenwilligen Musik dieser Gruppe, die in gewisser Weise noch immer existiert, die es aber, in unterschiedlichen Besetzungen, schon zweimal gab: einmal von 1982 bis 1997, als randständige Experimentalkrachrocker damals von vielen ignoriert und schließlich aus Überdruss und wegen musikalischer Stagnation aufgelöst, und – wiedergegründet und fortan mit Kritikerlob überschüttet – ein zweites Mal von 2010 bis 2017.

Der bereits seit vergangener Woche in den deutschen Kinos zu sehende Film „Swans – Where Does a Body End?“ dokumentiert das mittlerweile Jahrzehnte umspannende Werk und Treiben dieser überaus einflussreichen, radikalen, vom Multiinstrumentalisten und Performancekünstler Michael Gira in New York gegründeten Band, die tatsächlich ihresgleichen nicht hat: Das fängt an bei dem brachialen, an elementarste Instinkte des Menschen rührenden Sound und hört auf bei dem Gebaren, das Gira stets auf der Konzertbühne entfaltet und das an eine Mischung aus Trance, Exorzismus und Ekstase denken lässt. Die Begriffe, die im Zusammenhang mit der Gruppe und ihrer einzigartigen Geschichte immer wieder fallen, lauten: Leidenschaft, Kompromisslosigkeit, Aufrichtigkeit, Klarheit, Reinheit.

Die Swans begannen einst wie viele Post-Punk- und Industrial-Bands der frühen 80er Jahre, die aus London oder New York kamen: Man lärmte in heruntergekommenen, vermüllten Häuserblocks und Mietskasernenruinen, in denen man, oft wenig mehr als eine schmutzige Matratze besitzend, wohnte, thematisierte die Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz und die Verkommenheit und Kaputtheit der Gesellschaft, in der man zu leben gezwungen war, ernährte sich im Wesentlichen von diversen Drogen und war auch darüber hinaus nicht gerade an der Verbreitung und Kultivierung einer positiven Einstellung zum Leben interessiert. Seine Musik entwarf man nicht in erster Linie um eines möglichen kommerziellen Erfolgs willen, sondern um vermeintliche oder tatsächliche Grenzen zu überschreiten, um Klangforschung zu betreiben, um das Unbekannte oder die Freiheit zu finden, oder um die Nichtigkeit und Leere zu bekämpfen, die einen umgab. Und entsprechend klang sie auch, diese ebenso archaische wie schroffe, minimalistische und düstere Musik: kreischende Gitarren, stark verlangsamte, bollernde Drums, dazu bellte und grollte Gira seine nicht gerade lebensbejahenden Texte, alles extrem laut dargeboten. Kurz: Es klang nach einem sehr langsam ablaufenden, schweren Auffahrunfall. Und nach dem Gegenteil bzw. der Negation dessen, was man bis dahin als Popmusik kannte.

In seiner Jugend im Los Angeles der 70er Jahre, so berichtet Gira im Film, habe er einmal ein Konzert des Experimental-Elektropunk-Duos Suicide besucht, bei dem er mit angesehen habe, wie die beiden Künstler, die nicht auf einer Bühne performten, sondern auf gleicher Höhe einem anscheinend musikalisch eher bornierten und unverständigen Publikum gegenüberstanden, von diesem bespuckt wurden. Und als der Suicide-Sänger Alan Vega darauf nicht reagierte wie erwartet, sondern stattdessen den Speichel genüsslich auf seinem Gesicht verteilte und zerrieb, meint Gira, habe er etwas Wesentliches verstanden.

Vielleicht tauchen deshalb bis heute immer wieder dieselben Begrifflichkeiten auf, wenn es darum geht, das Besondere, das die Swans mit ihrer Musik kreiert haben, in Worte zu kleiden: Ritual, Hingabe, Selbstauflösung, Rausch, Euphorie, Durchbruch, Transgression, Erlösung.

Die erste kleine, selbst organisierte Tour durch ein paar Städte an der US-amerikanischen Ostküste, im Jahr 1982, absolvierte man gemeinsam mit der befreundeten Noise-Rockgruppe Sonic Youth: „Wir spielten praktisch vor niemandem“, sagt der heute 65-jährige Gira. „Hinterher konnte man, wenn man Glück hatte, das verfahrene Benzin bezahlen oder sich einen Donut leisten.“

© Salzgeber

Die Swans, schreibt Ian Canadine in dem Lexikon „Rock Rough Guide“, seien „nie ein ›hörerfreundliches‹ Wagnis“ gewesen, sie „konnten leicht als beklemmend negativ eingestuft werden (…) und ihre Experimente zerstörten die Form bis auf ihre bloßen Grundfesten“.

Tatsächlich haben Swans-Konzerte weniger mit herkömmlicher Rockmusik gemein, die früh als nur oberflächlich modernisierte Variante biederer Unterhaltungsmusik erkannt wurde, als mit einer „spirituellen Zeremonie“, wie Gira sagt. Eine Zeremonie, bei der Bühne und Zuschauerraum temporär zum „heiligen Ort“ werden und die Beteiligten, die sich auf die Musik einlassen, von dieser gewissermaßen durchdrungen und körperlich erfasst werden. Man müsse sich dem Sound „ergeben“, man dürfe nicht gegen ihn ankämpfen, sagt der „Lärm-Alchemist“ („Süddeutsche Zeitung“) und „enigmatische Schmerzensmann“ („Spiegel“) Gira. Nur dann sei es möglich, sich „für einen kurzen Moment der Ekstase von der Musik auslöschen zu lassen“. Manchmal, so Gira, sei bei ihren Konzerten der ohrenbetäubende Sound auf der Bühne so überwältigend gewesen, dass er den Eindruck gehabt habe, es werde ihm die Seele, das Gehirn und das Körperinnere herausgerissen. Ein Konzert der Swans kann wie ein Kampf sein, auch der Begriff „Bußritual“ fällt.

Nun könnte man an dieser Stelle zwar zu Recht fragen: Geht’s vielleicht auch eine Nummer kleiner? Die Antwort aber lautet: Nein. Daniel Miller, Gründer des Plattenlabels Mute und zentrale Figur der britischen Post-Punk- und New-Wave-Ära, schildert den Eindruck, den die Musik der Swans auf ihn machte, wie folgt: „Es ist, als sehe ich in diesem Moment die ganze Geschichte der Musik vor mir.“ Und der „Spiegel“ schreibt: „Tatsächlich gibt es bis heute keine brutalere und zugleich erlösendere Konzerterfahrung als das, was Michael Gira mit seinen wechselnden Bandbesetzungen von der Bühne herab anbietet.“

Im Film sehen wir viele historische Aufnahmen: zahlreiche Konzertausschnitte von früher und aus jüngerer Zeit ebenso wie private Filmaufnahmen und Fotos, kombiniert mit Interviewpassagen, in denen ehemalige Mitglieder der Band, Zeitzeugen wie der zuverlässig blasierte Blixa Bargeld oder der Sonic-Youth-Gitarrist Thurston Moore sowie Gira selbst sich zur Geschichte der Swans äußern. Immer wieder blicken wir auf den obsessiven Künstler Gira: auf der Konzertbühne im knirschenden Mahlstrom des Sounds stehend, sich bis zur totalen Erschöpfung verausgabend, den Körper hin- und herwerfend, schreiend, sich selbst ohrfeigend, mit den Armen rudernd, „nach dem Göttlichen greifend“, den „reinen Sound“ suchend und das Geschehen als eine Art Gottesdienst leitend und dirigierend.

Heute ist er, der ein „Überlebender“ seiner Zeit ist, wie es im Film heißt, halb taub. In seinem Gehör erklingt seit Langem schon ein nicht mehr wegzubekommendes Dauergeräusch. Vielleicht handelt es sich dabei ja um die Stimme Gottes. Sie müsste nur lauter sprechen zu ihm.

Dieser Text erschien zuerst am 18.01.2020 in: Neues Deutschland

Swans - Where Does a Body End
(Where Does a Body End)
Kanada 2019 - 119 min.
Regie: Marco Porsia - Drehbuch: Rodney Ascher, Marco Bresba, David Hyde, Pedro Orrego, Marco Porsia - Produktion: Marco Porsia - Kamera: Marco Porsia, Christian Storms - Schnitt: Marco Porsia - Verleih: Salzgeber - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Devendra Banhart, Blixa Bargeld, Jehnny Beth, Michael Gira, Jarboe, Thurston Moore, Amanda Palmer, Lee Ranaldo, Jim Sclavunos, J.G. Thirlwell
Kinostart (D): 09.01.2020

IMDB-Link: https://www.imdb.com/title/tt8954326/
Foto: © Salzgeber