The Week Of

(USA 2018; Regie: Robert Smigel)

Macher tov

Es gibt Filme, die funktionieren wie eine Pro-/Contra-Liste, deren Contra-Seite besonders voll geschrieben ist, während auf der Pro-Seite zwei, drei Punkte stehen, von denen man nur hoffen kann, dass sie besonders bedeutungsvoll sind. Robert Smigels Neflix-Farce „The Week Of“ dekliniert erst mal alle Probleme und Hindernisse, die in der Woche vor einer Hochzeit passieren können, minutiös durch.

Der Film ist zum Bersten voll mit Leben, mit Menschen, kleinen Kabbeleien, großen und kleinen Problemen, Ereignissen, running gags und dem ganzen großen Etcetera. Neben wirklich allen Aspekten einer Hochzeit (ja, es gibt einen Junggesellen- und –gesellinnenabschied) gibt es noch ein Baseballspiel des jüngsten Sohnes, das zu einem großen kommunalen Event wird, eine Beerdigung und noch mehr.

Die Probleme mit dem Hotel, z. B., eskalieren fast so schön wie die Hotelsequenz in Jaques Tatis „Playtime“; in einem dem Leben sehr genau abgeguckten Running Gag streitet sich das Ehepaar Lustig so lautstark in einem anderen Raum (außerhalb des Bildes), dass trotzdem jeder mithören kann, was aber niemand tut, wodurch kleine schöne Impressionen entstehen vom Leben, das weitergeht während eines so heftigen wie alltäglichen Streits. Und Onkel Seymour, der keine Beine hat, ist eine Art MacGuffin für verschiedene Running Gags, bei denen aber nie über ihn gelacht wird.

Bei all dem Chaos verliert der Regiedebütant Smigel aber nie die inszenatorische Kontrolle. Und obwohl er mit Kameramann Federico Cesca (nach eigenem Bekunden) eine an John Cassavetes orientierte Handkameraoptik erarbeitet hat, wirkt der Film nie hektisch und verwackelt. Der Stress, den vor allem Sandlers Ken Lustig hat, überträgt sich nur über dessen tatsächlich sehr subtiles Spiel – wie es sich gehört: ohne dass er viel übertreiben müsste, kann man den verletzten Vaterstolz immer, wenn Chris Rock ihm anbietet, einige der Kosten zu übernehmen, in seinem Gesicht und seiner Stimme lesen und hören. Dieser Kenneth Lustig ist ein im jiddischen Sinne macher, einer, der alles schon regeln wird, der für seine Tochter der große Zampano sein will und ihr eine tolle Hochzeit bescheren will, der aber als Kleinunternehmer einfach nicht genug Geld hat, und zu stolz ist, beim reichen Vater des Bräutigams um Hilfe zu bitten. Dieser Stolz kommt ihm die ganze Zeit in die Quere, sodass der macher eben die meiste Zeit wie ein nebbish wirkt, der eben gar nichts gedeichselt kriegt. Wenn dies ein Film der Coen-Brüder wäre, würde alles komplett zu einem Fiasko werden, aber Sandler ist eben ein mentsh, und seine Charaktere dementsprechend auch.

Aber so sehr das ein „typischer“ Sandler-Film ist, sind der Ton, der Humor, die Inszenierung doch anders als bei seinen üblichen Regisseuren Coraci, Dugan und Brill, die alle zwar tolle Sandler-Filme geschaffen, aber auch einige der schwächeren Tendenzen verantwortet haben und letzten Endes nicht so wirklich unterscheidbar sind.

Es bleibt zu hoffen, dass dies vielleicht der Beginn einer neuen Phase für Sandler ist. Auf jeden Fall sollte er noch weiter mit Smigel als Co-Autor und Regisseur arbeiten. Zum Sandler-Universum gehört er schon von Anfang an, hat er doch bereits an dessen erstem Comedy-Album mitgewirkt, auch ist er Co-Autor von „You don´t mess with the Zohan“ und „Hotel Transylvania“, zwei seiner besseren Filme.

Überhaupt ist er eine viel einflussreichere und interessantere Figur in der amerikanischen Humorkultur, als es sein Bekanntheitsstatus und die Tatsache, dass er hier zum ersten Mal bei einem Film Regie führt, vermuten ließen. Er war schon maßgeblich als Autor und Performer bei SNL tätig, hat für alle Inkarnationen von Conan O´Briens Shows kreativ die Strippen gezogen, ist als Triumph the Insult Comic Dog geläufig, hat für die kurzlebige aber wichtige „The Dana Carvey Show“ gearbeitet und vieles mehr. Vielleicht zeichnet sich auch der Beginn einer neuen Phase für Smigel ab – ob mit oder ohne Sandler. Es ist zwar schwierig, so etwas nach einem Debüt zu sagen, aber die Eskalationsdramaturgie der Hotelszenen gemischt mit stillen, genau beobachteten Impressionen von mentshlekh-allzumenschlichem (sic) Verhalten durch eine dezidiert jüdische Brille (von Spinoza gemacht?), also auch mit einer gehörigen Portion schmaltz bei aller Absurdität, das ist schon eigen. Vor und hinter der Kamera und im Film alles gut gemacht, es gilt also: macher tov.

The Week of
USA 2018 - 116 min.
Regie: Robert Smigel - Drehbuch: Robert Smigel, Adam Sandler - Produktion: Allen Covert, Adam Sandler - Kamera: Federico Cesca - Schnitt: Tom Costain - Musik: Rupert Gregson-Williams - Verleih: Netflix - Besetzung: Adam Sandler, Chris Rock, Rachel Dratch, Steve Buscemi, Allison Strong, Noah Robbins
IMDB-Link: https://www.imdb.com/title/tt6821012/
Foto: © Netflix