First Reformed

(USA 2017; Regie: Paul Schrader)

Suche nach Erlösung

“Wenn man über sich selbst schreibt, gibt es keine Gnade”, notiert Ernst Toller (Ethan Hawke) in sein eben begonnenes Tagebuch. Zwar empfindet der Pfarrer mit dem Namen eines deutschen Schriftstellers seine nächtlichen, von zu viel Alkohol befeuerten Selbstgespräche als „eine Form des Gebets“. Doch zugleich weiß er, dass seine einsame Kommunikation ohne Gegenüber nur ein unzureichender Ersatz für eine Zwiesprache mit Gott ist. „Könnte ich nur beten“, hadert er über sein Tun, von dem er andererseits abhängig ist, weil sich in ihm die Gedanken ordnen und die Gefühle eine Resonanz finden.

Zwölf Monate lang will der einsame Held in Paul Schraders neuem Film „First Reformed“ sein Schreib-Experiment betreiben, um danach die Aufzeichnungen zu vernichten. Was Toller in dunkeln Stunden als „selbstsüchtiges“ Tun beurteilt, ist ihm doch praktische Lebenshilfe. Schon in seinen Drehbüchern zu Martin Scorseses Film „Taxi Driver“ sowie zu dem von ihm selbst inszenierten „Light Sleeper“ hat Paul Schrader die existentielle Verlorenheit seiner Helden im Medium des Tagebuchs dargestellt.

Toller ist ein Pfarrer in der Krise. Er wirkt einsam, verschlossen und ernüchtert. Als Reverend einer kleinen, reformierten Gemeinde im Bundesstaat New York betreut er einige wenige Gläubige. Vor allem aber verwaltet er die Tradition der 250 Jahre alten Kirche des Örtchens Snowbridge, deren von einem ortsansässigen Unternehmer gesponserte Neuweihe in ein paar Wochen bevorsteht. Zu Beginn des Films nähert sich die Kamera in einem frontalen Travelling und aus leichter Untersicht dem von niederländischen Einwanderern erbauten Gotteshaus, dessen helles Holz im Dämmerlicht schimmert. In den streng komponierten, statischen Bildern, die von einem fast quadratischen Format eingeschlossen werden, akzentuiert der calvinistisch erzogene Paul Schrader vor allem das Karge und Farblose, die Leere und den Stillstand. Diese Reduktion setzt sich fort in der spärlichen Einrichtung des Pfarrhauses, wodurch einzelne Gegenstände eine auratische Erscheinung gewinnen; und nicht zuletzt in der Konzentration auf wenig Figuren, die in tragische Beziehungen zueinander treten.

Als der 46-jährige ehemalige Militärpfarrer von der jungen Mary (Amanda Seyfried) kontaktiert wird, die ihn um ein Gespräch mit ihrem depressiven Mann bittet, erfüllt er zwar zögerlich doch routiniert seine seelsorgerliche Pflicht. Michael (Philip Ettinger) ist ein eben aus dem Gefängnis entlassener, radikaler Umweltaktivist, der am Zustand der Welt verzweifelt und dessen Sinnkrise sich zuspitzt, seit er weiß, dass seine Frau schwanger ist. Kann man in diese dem Untergang geweihte, zunehmend unbewohnbarer werdende Welt noch ein Kind setzen, fragt Michael in seiner Verantwortung für das Leben. Die Erfahrung der „Dunkelheit“, von Søren Kirkegaard als „Krankheit zum Tode“ beschrieben, sei Teil der menschlichen Existenz, erwidert Toller. Es gelte den Widerspruch zwischen Verzweiflung und Hoffnung mutig auszuhalten. Toller gehört selbst zu den Leidgeprüften: Sein Sohn ist im Irak-Krieg gefallen, seine Ehe daraufhin gescheitert. Jetzt zwingen ihn anhaltende Magenschmerzen, sich eingehenden medizinischen Untersuchungen zu unterziehen.

Trotzdem findet in Schraders „Film über das Seelenleben“ dieses nicht ohne Hoffnung begonnene Gespräch keine Fortsetzung. Michael tötet sich. Daraufhin macht Reverend Toller, der sich um die schwangere Witwe und Teile des Nachlasses kümmert, die Leiden des Selbstmörders immer mehr zu seiner eigenen, selbstzerstörerischen Mission. In christlicher Verblendung sucht er im Selbstopfer nach Erlösung. „Wenn Christen pathologisch werden, dann fangen sie an, das Leiden Jesu mit ihrem eigenen zu verwechseln“, hat Paul Schrader in einem Interview dazu gesagt. Der Mensch sei aber nicht zum Leiden in der Welt, mahnt ein Vorgesetzter Pfarrer den verirrten Kollegen, der Erlösung nicht mehr als Gottesgeschenk, sondern als Mission einer gequälten Seele versteht. Konsequent, schnörkellos und spannend spitzt Paul Schrader das individuelle Drama in seiner existentiellen Dimension zu, bis der verzweifelte Held schließlich unerwartet und sehr menschlich zwar nicht geheilt, aber von seinem Selbsterlösungszwang entbunden wird.

In Deutschland derzeit ausschließlich auf VoD erhätlich.

First Reformed
USA 2017 - 113 min.
Regie: Paul Schrader - Drehbuch: Paul Schrader - Produktion: Jack Binder, Greg Clark, Gary Hamilton, Victoria Hill, David Hinojosa, Frank Murray, Deepak Sikka, Chrsistine Vachon - Kamera: Alexander Dynan - Schnitt: Ben Rodriguez Jr. - Musik: Lustmord - Verleih: A24 - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Ethan Hawke, Amanda Seyfried, Cedric Kyles, Victoria Hill, Michael Gaston
IMDB-Link: https://www.imdb.com/title/tt6053438/
Foto: © A24