Nuestro tiempo

(MEX/FR/D/DEN/SWE 2018; Regie: Carlos Reygadas)

Die Unvollkommenheit der Liebe

Ein Panorama unbekümmerter Lebendigkeit eröffnet den Film: In einem flachen, lehmigen Stausee bewerfen sich Kinder mit Schlamm. Über Minuten hinweg und aus leichter Untersicht beobachtet und registriert eine agile Handkamera, geführt von Diego García, dieses Spielen und Toben von Jungen und Mädchen. Die Freiheit des Spiels korrespondiert dabei mit der Weite der Landschaft und dem endlos erscheinenden Himmel über der fernen Bergkette. Zugleich fokussiert das Cinemascope-Bild die Nähe zu den Elementen, den Körpern, der Haut. Eine Gruppe von Jugendlichen, träge unter einem Sonnensegel lagernd, verströmt diesbezüglich Erotik, Lust und Begehren. Sehr viel später blicken wir wiederum minutenlang auf das nächtliche Mexiko-Stadt, gleiten im Vogelflug über ein Meer von Lichtern und ein schier endloses Geflecht von Straßen. Gerade im Kontrast von Natur und Zivilisation verschmelzen Körper und Strukturen zu einer Einheit.

Das indirekte, abschweifende Erzählen mit seiner Suggestion der Gleichzeitigkeit gehört zu den wesentlichen Merkmalen von Carlos Reygadas‘ filmkünstlerischer Arbeit. In seinem neuen Werk „Nuestro tiempo“, das von einer Ehekrise handelt, gibt es immer wieder überraschende narrative Bewegungen und Verknüpfungen, Offenes und scheinbar Unverbundenes. In dieser ästhetischen Praxis steht alles Gezeigte für sich selbst und verweist zugleich auf anderes. Reygadas inszeniert sowohl Kunstwerke, Architektur und Musik als auch Landschaften, Wohnräume und natürliche Lichtstimmungen. Und er integriert in diese mit dokumentarischer Genauigkeit erfasste Vielstimmigkeit des Alltäglichen auch die Perspektiven verschiedener Off-Erzähler.

Besonders eindrucksvoll veranschaulicht wird dieses Erzählverfahren in einer Szene, in der die verheiratete Ester (Natalia López), Mutter dreier Kinder, auf dem Heimweg zu ihrem Ehemann Juan (Carlos Reygadas) von einer leidenschaftlichen Begegnung mit ihrem Liebhaber Phil (Phil Burgers) träumt. Während Regen auf die Windschutzscheibe prasselt und Genesis‘ Song „The carpet crawlers“ erklingt, schleicht sich die Kamera ins Getriebe des Wagens, zeigt seine innere Mechanik; bis Esters erotische Phantasie schließlich unterbrochen wird von Juan, der im Regen durch die Abenddämmerung reitet und eine kurze Zeit seine Frau begleitet.

Carlos Reygadas erzählt das Dramatische dieser Ehekrise, in der irgendwann alles auf dem Spiel steht, nicht dramatisch, sondern als Widerhall in den Menschen und Dingen. Ester geht fremd, zunehmend verfolgt vom Misstrauen und der Eifersucht Juans, der auf einer weitläufigen Farm Rinder und Kampfstiere züchtet, deren tödliche Kämpfe immer wieder als Spiegel fungieren. Zugleich ist Juan ein anerkannter Dichter, der Toleranz und Freiheit zu leben versucht und der deshalb Ehe und Untreue als getrennt voneinander betrachtet, bis schließlich seine Einsicht in die Unvollkommenheit der Liebe unausweichlich wird. Denn Ester, die etwas Neues, bislang Unterdrücktes erfährt, befindet sich längst in einem Prozess der Verwandlung. Trotzdem behauptet sich in „Nuestro tiempo“ ein Bild familiärer Geborgenheit gegen die Vorstellung einsamen Leidens.

Nuestro tiempo
Mexiko, Frankreich, Deutschland, Dänemark, Schweden 2018 - 175 min.
Regie: Carlos Reygadas - Drehbuch: Carlos Reygadas - Produktion: Jaime Romandia - Kamera: Diego Garcia - Schnitt: Carlos Reygadas - Verleih: Grandfilm - FSK: ohne Angaben - Besetzung: Carlos Reygadas, Natalia López, Phil Burgers, Yago Martinez, Eleazar Reygadas, Rut Reygadas
Kinostart (D): 27.06.2019

IMDB-Link: https://www.imdb.com/title/tt5265964/
Foto: © Grandfilm