Burning

(KOR 2018; Regie: Lee Chang-dong)

Slow Burn

Der Horizont brennt. Langsam verschwindet die Sonne hinter den Hügeln und taucht den Himmel in glühendes Orange, dass sich weiter oben in das unergründliche Blau der Nacht verliert. Jong-su (Yoo Ah-in), Hae-mi (Jeon Jong-seo) und Ben (Steven Yeun) sitzen in alten Liegestühlen vor Jong-sus kleinem, abgelebtem Landhaus. Vor ihnen auf dem Campingtisch stehen die Überreste eines improvisierten Abendessens, daneben eine leere Flasche Wein. Die drei Mittzwanziger rauchen einen Joint und schauen über die Felder zu ebenjenem feurig leuchtenden Horizont. Etwas weiter rechts, da, wo die Berge bereits von Dunkelheit eingehüllt liegen, befindet sich die Grenze zu Nordkorea. Lautsprecher tragen während des Tages Propaganda über die Felder bis zum Haus. Jetzt ist es still. Es ist eine Stille, die nur Freunde kennen. Nichts muss gesagt werden. Der Augenblick siegt über die Worte. Nur sind Jong-su, Hae-mi und Ben gar keine Freunde. Eigentlich kennen sie sich so gut wie überhaupt nicht. Die Szene hat deshalb auch nichts Unbeschwertes an sich. Es lastet ganz im Gegenteil, seit Ben mit Hae-mi in seinem Porsche 911 am Nachmittag angekommen ist, eine beklemmende Unruhe auf diesem Moment.

Jong-su hatte Hae-mi erst wenige Wochen zuvor kennengelernt. Sie sind zwar zusammen zur Schule gegangen und haben im gleichen Dorf gewohnt, doch das scheint in einem weit entfernten Paralleluniversum gewesen zu sein. Jetzt trägt Jong-su Pakete aus, Hae-mi jobbt als Hostess vor kleinen Shops in den engen Gassen Seouls und verteilt Lose für Tombolas. Schnell kommen sich die beiden auf Initiative Hae-mis näher, gehen essen, landen – trotz einiger Unbeholfenheit – im Bett. Wenige Tage später fährt Hae-mi überraschend für mehrere Wochen nach Afrika und bittet Jong-su – der gerade in das Haus seines Vaters auf dem Land gezogen ist, weil der mürrische alte Mann zu einer Haftstrafe verurteilt wurde – auf ihre Katze aufzupassen. Hae-mi will die Kalahari in Kenia sehen. Jong-su ist verwirrt, weil Hae-mi ihn einfach so verlässt. Und die Zuschauer*innen sind es auch, denn was Jong-su nicht zu wissen scheint: Die Kalahari liegt nicht in Kenia. Zu allem Überfluss bekommt Jong-su die Katze in Hae-mis Mikroapartment bei der täglichen Fütterung nicht zu Gesicht und die Frage, was hier vielleicht noch alles nicht stimmt, breitet langsam ihre zarten Wurzeln aus.

Hae-mi kehrt schließlich mit Ben – einem seltsam in sich ruhenden, reichen jungen Mann, der Arbeit (wie eigentlich alles andere auch) eher als ein Spiel begreift und den amerikanischen Lebensstil verinnerlicht hat – aus Afrika zurück. Nur wie Langzeitreisende sehen die beiden überhaupt nicht aus. Mit ihren kleinen Rollkoffern erinnern sie eher an Wochenendausflügler der Generation easyjet. Doch Jong-su hat dafür keinen Blick. Entgeistert nimmt er ohne jeden Widerstand seinen ihm zugewiesenen Platz als fünftes Rad am Wagen in der neuen Dreierkonstellation ein. Gemeinsam treffen sie sich zum Essen im Restaurant oder verabreden sich zum Kochen in Bens perfekter Designerwohnung. Wenige Tage später sitzen die jungen Leute schließlich vor Jong-sus Haus und schauen friedlich in die Ferne. Als Hae-mi hinein geht, um auf der Couch ihren Rausch auszuschlafen, vertraut Ben Jong-su überraschend an, dass er regelmäßig alte Gewächshäuser anzünde und dann in Ruhe zusehe, wie sie herunterbrennen. Das nächste sei sogar ganz in der Nähe. Kurz darauf wird Hae-mi sich in Luft auflösen. Die Gewächshäuser in der Umgebung hingegen bleiben unberührt.

Immer weiter verschieben sich von nun an die Koordinaten von Wirklichkeit und Einbildung, Objektivität und Subjektivität. Andeutungen, Vermutungen und Indizien werden von Regisseur Lee Chang-dong vor den Augen des Publikums sorgfältig ausgebreitet, dass Hitchcock seine wahre Freude gehabt hätte. Sie machen aus „Burning“ einen meisterhaft paranoiden Schwelbrand. Ganz nebenbei fügen die narrativen Unzuverlässigkeiten in Kombination mit einer im Widerspruch zu den Ereignissen stehenden ruhigen, vollkommen gefassten Erzählweise mit einigen Plansequenzen sowie irritierend lebensfrohen Farben dem neo noir neue Nuancen hinzu.

Man dürfe sich nicht vorstellen, dass etwas da sei, erklärt Hae-mi Jong-su, als sie ihm einmal stolz ihre Pantomimekünste präsentiert. Stattdessen müsse man vergessen, dass etwas nicht da sei. Trotzdem begibt sich Jong-su auf die Suche nach Hae-mi, als diese verschwindet. Immer tiefer verstrickt er sich in einem unergründlichen Labyrinth, das vorgibt unsere Welt zu sein. Nie kann er sicher sein, wie seine Entdeckungen einzuordnen sind. Noch viel häufiger entpuppt sich das Gefundene gar als Abwesendes. Die Lücken werden nicht oder nur mit weiteren Lücken gefüllt. Die Existenz eines Brunnens, in den Hae-mi als Kind gefallen sein soll, wird von einigen bestritten, von anderen bestätigt. An Hae-mis Sturz kann sich indes niemand erinnern. Der Brunnen bleibt ein (metaphorisches) schwarzes Loch, eine Lücke in den Erinnerungen. Und selbst die Figuren sind gekennzeichnet von unergründlichen Leerstellen: Ben sagt von sich, dass er weder Tränen noch Eifersucht kenne. Auch sonst scheint ihm jede Gefühlsregung fremd zu sein. Über Hae-mi heißt es, sie hätte niemanden und nichts außer Schulden. Und Jong-su, der von einem Leben als Schriftsteller träumt, fragt sich, was man über eine Welt schreiben soll, die man nicht versteht. Er irrt wie ein Getriebener durch die Einstellungen des Filmes, die in ihrer Länge ein ums andere Mal Erkenntnis versprechen, wenngleich mit jeder Minute und jedem Schnitt alles nur noch rätselhafter wird.

Verzweifelt pendelt Jong-su zwischen verarmtem Land- und prekärem Stadtleben, versucht Sinn aus den Ereignissen und dem Dasein zu kondensieren, trifft aber doch nur auf Leere und Wortlosigkeit. Die nächtlichen Anrufe eines Unbekannten, der stumm bleibt, reißen Jong-su aus dem Schlaf. Ein Gespräch mit seiner permanent auf das Telefon starrenden Mutter gerät zum familiären Fiasko und betont nur den Graben zwischen ihnen. Mit dem Vater wechselt er gar überhaupt kein Wort. Dieser wiederum würdigt den Sohn bei seiner Verhandlung im Gerichtssaal kaum eines Blickes. Niemand steht irgendwem bei, alle Bande scheinen aufgelöst.

„There’s something clearly wrong, but we just can’t see it, though it’s part of everyday life.“ sagt Regisseur Lee Chang-dong in Abwandlung einer Dialogzeile Bens über seinen Film, der die mysteriöse Prämisse der zugrunde liegenden Kurzgeschichte „Scheunenabbrennen“ von Haruki Murakami um die Facetten der Befragung gesellschaftlicher Verhältnisse Südkoreas sinnvoll und notwendig erweitert. Die Spannung, die der Film über eine Laufzeit von 148 Minuten konstant aufrecht zu erhalten imstande ist, reflektiert die Beschaffenheit und die Auswirkungen leerlaufenden Antriebs im Land der Rastlosen: Bereits in der Grundschule beginnt ein gnadenlose Wettbewerb unter den Südkoreaner*innen. Zwar belegt das Land in der PISA-Studie im weltweiten Vergleich immer wieder einen der vorderen Plätze. In kaum einem OECD-Staat sind die Schüler*innen Studien zufolge jedoch aufgrund des Leistungsdrucks unglücklicher. Nirgendwo ist die Selbstmordrate höher. Noch ein wenig schneller dreht sich das Hamsterrad dann in der Arbeitswelt. Per Gesetz ist die Arbeitswoche auf unglaubliche 68 Stunden begrenzt, viele Südkoreaner*innen arbeiten allerdings mehr. Sechs Tage pro Woche und bis zu 14 Stunden täglich sind keine Seltenheit. Das auf diese Weise hart erkaufte Wirtschaftswachstum, das auch Ausdruck eines ideologischen Wettbewerbs mit dem kommunistischen Norden ist, ist jedoch weitgehend entkoppelt vom Wohlbefinden der Mehrheit im Lande und sorgt kaum für neue Arbeitsplätze oder steigende Löhne. In der Hightech-Nation gilt das Versprechen auf Wohlstand für die jüngeren Generationen schon lange nicht mehr. Die Jugendarbeitslosigkeit steigt, der Zusammenhalt zwischen den Generationen schwindet, die Ungleichheit wächst rasant, genauso wie die Zahl der Berufsunfälle aufgrund von Überarbeitung. Im Gegenzug sinken die Geburtenzahlen, denn die Zentrierung auf die Karriere und der hohe Druck in der Arbeitswelt führen langfristig zu einer mangelnden Bereitschaft Beziehungen einzugehen. Zudem wird seit einigen Jahren ein Trend zur Asexualität bei jungen Südkoreaner*innen diagnostiziert.

Zurück bleiben mit Jong-su, Hae-mi und Ben die Nachkommen eines Gesellschafts- und Wirtschaftsmodells, das in der Zweckrationalisierung des gesamten Lebens nach Maßstäben der Effektivität und Effizienz besteht. Sie bilden die Vertreter einer neuen Klassengesellschaft, in der die Armut der einen auf den Reichtum der anderen trifft. Während Hae-mi fasziniert durch Bens weitläufiges Designerapartment schlendert und vom Aufstieg träumt, fragt Jong-su sich, wie einer sich das alles so jung schon leisten könne. Zugleich kann man an den Gesichtern der drei die Kehrseite der Individualisierung ablesen, deren unausgesprochener Zwang zur Selbstoptimierung das Ich in letzter Konsequenz implodieren und in der Einsamkeit der Depression enden lässt. Und es ist diese Einsamkeit, von der die Szene vor Jong-sus Haus so eindringlich erzählt und die in einem traumhaft schönen Tanz Hae-mis zu den außerweltlichen Klängen von Miles Davis einen ersten Höhepunkt findet. Voll plumper Zärtlichkeit bewegt sich die dunkle Silhouette des nackten Oberkörpers vor dem glühenden Horizont. Ein Tanz so bezaubernd und frei, dass er in Tränen Hae-mis enden muss, weil die Freiheit für sie nur Leere bereithält. Mit „Burning“ schaut Lee Chang-dong in das jugendliche Herz einer Gesellschaft, die im Begriff ist als Ganzes langsam auszubrennen und zu verschwinden, bevor sie überhaupt begonnen hat zu leben.

Benotung des Films :

Ricardo Brunn
Burning
(Beoning)
Südkorea 2018 - 148 min.
Regie: Lee Chang-dong - Drehbuch: Oh Jungmi, Lee Chang-dong - Produktion: Lee Chang-dong, Ok Gwang-hee - Kamera: Hong Kyung-pyo - Schnitt: Kim Da-won, Kim Hyun - Musik: Mowg - Verleih: Capelight Pictures - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Yoo Ah-in, Steven Yeun, Jun Jong-seo, Kim Soo-Kyung, Choi Seung-ho
Kinostart (D): 06.06.2019

DVD-Starttermin (D): 11.10.2019

IMDB-Link: https://www.imdb.com/title/tt7282468/
Foto: © Capelight Pictures