The Woman Who Left

(PHL 2016; Regie: Lav Diaz)

Die Welt als Gefängnis

Das Gefängnis ist als solches nicht gleich erkennbar. Eine Gruppe von Frauen und Kindern arbeitet, nur lose bewacht, auf dem Feld, während irgendwo im Hintergrund ein Radiosprecher Neuigkeiten aus dem Sommer des Jahres 1997 vermeldet: Hongkong ist nicht mehr länger britische Kronkolonie und auf den Philippinen gibt es fast täglich neue Entführungsfälle. In dem Inselstaat spielt auch Lav Diaz‘ neuer, preisgekrönter Film „The woman who left“, der bereits mit seiner ersten Einstellung den zeitlichen und örtlichen Rahmen, das Thema sowie dessen ästhetische Vermittlung umreißt. Minutenlange, meist aus der Distanz gedrehte Einstellungen, ein daraus resultierender langsamer Erzählrhythmus sowie ungekünstelte Schwarzweißbilder kennzeichnen nämlich das sozialrealistische Kino des philippinischen Regisseurs. Die Erfahrung von Raum und Zeit, verdichtet und kontextualisiert in den einzelnen Szenen, ist ihm wesentlich. Und so resultiert aus der Konzentration auf die Gegenwart immer auch ein Bild der Vergangenheit.

Seit dreißig Jahren ist die ehemalige Lehrerin Horacia (Charo Santos-Conico) an diesem Ort inhaftiert. In den Arbeitspausen erteilt sie den Mitgefangenen der relativ offenen Wohngemeinschaft Grammatikunterricht; später fordert sie eine der Frauen auf, eine Geschichte mit dem Titel „Der schwarze Turm“ vorzulesen, die ein düsteres Bild der Isolation evoziert. Lav Diaz hat sie unter dem Pseudonym Bahagharing Timog selbst verfasst. Als Erzählung innerhalb der Erzählung rahmt sie gewissermaßen den Film, der wiederum von Lew Tolstois Kurzgeschichte „Ein Verbannter“ (auch: „Gott sieht die Wahrheit, sagt sie aber nicht sogleich“, 1872) inspiriert ist. Auch Horacia schreibt Geschichten, zum Beispiel jene über den Jungen, der sich nach dem Himmel sehnt. Einmal wird sie, die schon so lange im Gefängnis sitzt, gefragt, ob man in dieser Zeit vergesse, wer man war. „Alles geht verloren“, behauptet eine andere. Dann wird Horacia plötzlich entlassen, weil sich eine Mitgefangene zu jener Mordtat bekennt, für die Horacia unschuldig büßen musste.

Die aus der Gefangenschaft Erlöste erlebt die wiedererlangte Freiheit zunächst als Schock. Schmerzlich ist die kurzzeitige Rückkehr in ihr früheres Zuhause und die Wiederbegegnung mit ihrer Tochter Minerva. Doch dann bricht sie auf mit einer doppelten, zunächst von Rachegedanken geleiteten Mission: Zum einen möchte sie ihren früheren Freund Rodrigo Trinidad (Michael de Mesa) ausfindig machen, der als Drahtzieher des Mordes gilt und sich jetzt hinter seinem Reichtum verschanzt; zum anderen will sie nach ihrem vermissten Sohn suchen. Dabei begegnet Horacia, die fortan verschiedene Identitäten annimmt, mehreren Außenseitern und Randexistenzen: einem buckligen Verkäufer angebrüteter Eier (Balut), einer verrückten Bettlerin, einem unter Epilepsie leidenden Transvestiten namens Hollanda (John Lloyd Cruz) sowie einer vielköpfigen, armen Familie, die in einer kleinen Bretterhütte lebt. Sie alle sind Gefangene einer Welt, die sie ausgestoßen hat und die von der gutherzigen Horacia eine „außergewöhnliche Güte“ erfahren.

„Gottes Haus ist jedermanns Haus“, ruft einmal die Bettlerin, um ihre (religiöse) Teilhabe einzufordern. Und der Gemeindepfarrer, dem gegenüber sich Rodrigo als leidender, aber kaum reuiger Sünder zu erkennen gibt, äußert bei dieser Gelegenheit: „Ich kann Gott in jedem sehen.“ Im Wechsel von Tag und Nacht erkundet Lav Diaz zusammen mit seiner unerschrockenen Heldin eine Gemeinschaft der Armen sowie die alltägliche, nicht zuletzt staatliche Gewalt, die sie immer wieder erleben. Diese sozial determinierte Ordnung zu verlassen, scheint nahezu aussichtslos. Wenn gegen Ende des beeindruckenden Films Horacia und Hollanda in einer wunderbar queeren Performance das Lied „Somewhere“ aus der „West Side Story“ singen, wird die imaginierte Utopie für einen Moment lang doch noch Wirklichkeit.

Hier findet sich eine weitere Kritik zu „The Woman Who Left“.

The woman who left
(Ang babaeng humayo)
Philippinen 2016 - 228 min.
Regie: Lav Diaz - Drehbuch: Lav Diaz - Produktion: Ronald Arguelles, Lav Diaz - Kamera: Lav Diaz - Schnitt: Lav Diaz - Verleih: Grandfilm - FSK: ohne Altersbeschränkung - Besetzung: Charo Santos, John Lloyd Cruz, Michael de Mesa, Shamaine Centenera-Buencamino, Nonie Buencamino, Jean Judith Javier
Kinostart (D): 31.08.2018

IMDB-Link: https://www.imdb.com/title/tt5843990/
Foto: © Grandfilm