Beach Bum

(USA/FR 2019; Regie: Harmony Korine)

Krasse Exzesse, pures Erleben

“Ich folge meinem eigenen Groove”, sagt Moondog (Matthew McConaughey). Maßlos säuft und kifft sich der langhaarige, braungebrannte Gossenpoet durch die Bars an den Stränden der Florida Keys und führt dabei obszöne Reden. Als ehemals radikaler Dichter „aus einer anderen Dimension“ huldigt er in der Pose des dauergeilen Lebenskünstlers nur noch dem Spaß und der schamlosen Ausschweifung. Moondog zelebriert das Kaputte als krassen Exzess und ist dabei so verantwortungslos, als bewege er sich im Flow der reinen Gegenwart. Seine lustvolle Selbstzerstörung vollzieht sich völlig selbstvergessen. „Spaß ist meine Motivation“, sagt der abgefuckte Hedonist, dem nichts heilig ist oder je war. Er wolle das Leben bis zum letzten Atemzug „aussaugen“. Tatsächlich befindet sich Moondog, der wie ein bunter Hund allseits bekannt und beliebt ist, auf einer Party ohne Ende, die von seiner ebenso reichen wie toleranten Frau Minnie (Isla Fisher) finanziert wird.

Als diese in der Hochzeitsnacht ihrer gemeinsamen Tochter Heather nach einem Autounfall stirbt, scheint für einen Augenblick Moondogs wilder Rausch zu Ende. Minnie hat nämlich testamentarisch verfügt, dass ihr Mann nur dann das umfangreiche Vermögen erben dürfe, wenn er zuvor ein neues Buch schreibe und veröffentliche. In Harmony Korines delirierendem Film „Beach Bum“ wird Moondog nun für kurze Zeit tatsächlich zum titelgebenden „Strandgammler“ in einer Gruppe fröhlicher Penner. Nachdem er zusammen mit ihnen lustvoll die eigene Villa zerlegt hat, landet er in einer Entzugsklinik, wo er von einem ziemlich durchgeknallten Mitinsassen namens Flicker (Zac Efron) erfährt, was er längst selbst weiß: „Draußen ist die wahre Welt, hier drinnen die falsche.“ Und so lässt der gemeinsame Ausbruch, befeuert von Eddie Moneys Song „Two tickets to paradise“, nicht lange auf sich warten.

Harmony Korine geht es nämlich nicht um die moralische Läuterung eines gebrochenen Helden. Moondogs gewissenloser, völlig enthemmter Narzissmus kennt vielmehr weder Schranken und Grenzen noch Brüche. Sein rauschhafter, vergnügungssüchtiger Ego-Trip mittels Sex und Drogen ist gewissermaßen ausschließlich „positiv“. „Eines Tages werde ich die Welt verschlingen. Und wenn ich das tue, geht ihr alle qualvoll zugrunde“, prophezeit Moondog gleich zu Beginn seiner wüsten Eskapaden.

Diesen absoluten Anspruch auf Einverleibung übersetzt Harmony Korines Inszenierung in die zirkuläre Struktur einer filmischen Dauerschleife. Vergangenheit und Gegenwart, elliptisch verdichtet, verschlingen sich darin unentwegt, fließen ineinander und vermischen sich in einem Gefühl reiner Präsenz. Korines rudimentäres Erzählen insistiert – ähnlich wie zuvor in „Spring Breakers“ – auf dem puren Erleben, es dehnt den Augenblick als gäbe es (für den Helden) weder ein Gestern noch ein Morgen, keinen Anfang und kein Ende. Gerahmt von einem tiefblauen Meer, gesättigt von kräftigen Farben und illuminiert von Leuchtraketen und Feuer, erscheinen im goldenen Licht des dämmernden Tages selbst die Verluste noch als Gewinn.

Beach Bum
(The Beach Bum)
USA, Frankreich 2019 - 95 min.
Regie: Harmony Korine - Drehbuch: Harmony Korine - Produktion: John Lesher, Charles-Marie Antonioz, Mourad Belkeddar, Nicolas Lhermitte, Steve Golin - Kamera: Benoît Debie - Schnitt: Douglas Crise - Musik: John Debney - Verleih: Constantin Film - FSK: ab 16 Jahren - Besetzung: Matthew McConaughey, Snoop Dogg, Isla Fisher, Stefania Lavie Owen, Jimmy Buffett, Zac Efron, Martin Lawrence, Jonah Hill
Kinostart (D): 28.03.2019

DVD-Starttermin (D): 01.08.2019

IMDB-Link: https://www.imdb.com/title/tt6511932/
Foto: © Constantin Film