Bildbuch

(CH 2018; Regie: Jean-Luc Godard)

Im Atemstrom der Fragmente

„In Wirklichkeit trägt nur ein Fragment den Stempel von Echtheit“, zitiert Jean-Luc Godard gegen Ende seines neuen Films „Bildbuch“ (Le livre d’image) Bertolt Brecht. Als innerster Produktionsakt entspreche es dem Atmen und verbinde sich so mit der Existenz. Die postmoderne Absage an das mögliche Ganze eines Zusammenhangs, die der mittlerweile 88-jährige Kinoerneuerer hier implizit für sich in Anspruch nimmt, zielt andererseits doch auch auf das Wesen der Dinge, wie es in den vielen Fundsachen und Bruchstücken des Films aufscheint. Durch eine assoziative Montage verknüpft, fliehen sie die „Gewalt“ und das Diktat der Repräsentation und bleiben doch Zeugen eines metaphysischen Hintersinns. Was wahr sein könnte in Wort und Schrift, in Bild und Klang, bleibt in der Offenheit dieses Werks stets ungewiss und fungiert doch als Antrieb künstlerischer Wahrheitssuche und Zeitgenossenschaft.

„Wirklich als Mensch leben heißt, mit den Händen zu denken“, sagt Godard mit brüchiger Stimme zu Beginn aus dem Off. Dazu sieht man Hände bei der Filmmontage am Schneidetisch. Die fünf Finger der Hand verweisen zugleich auf die fünf Kapitel, in die der Film gegliedert ist. Deren überbordende Materialmenge aus fiktionalen und dokumentarischen Filmzitaten, aus nicht näher nachgewiesenen Texten und Musik setzt aber nicht auf Trennschärfe, sondern auf Überlappung, poetische Undeutlichkeit, mithin auf ein Verschwinden im archivalischen Strom der Verweise. Was sich permanent und unaufhörlich dem Verstehen entzieht, ist dabei ebenso faszinierend und interessant wie das, was für Augenblicke eine Präsenz gewinnt. Dafür unterbricht Godard den Bilder- und Tonstrom einerseits mit Schwarzfilm, andererseits verfremdet er immer wieder das Bildmaterial, löst es auf in reine Farbflächen.

Wie sich Bilder von Gewalt, Unterwerfung und Krieg in anderen Bildern dieser Verbrechen fortsetzen, zeigt Godard unter der Überschrift „Remakes“. Zitate aus Filmen von Pasolini und Franju werden hier beispielsweise abgelöst von Propagandavideos des IS. „Alles Lebendige muss geopfert werden“, heißt es mit fatalistischem, gegenaufklärerischem Unterton in Anlehnung an Joseph de Maistres „Die Abende von St. Petersburg“ im gleichnamigen zweiten Kapitel des Films. Dass alles Leiden vergeblich ist und der nachgelagerten Kunst die Zeit fehlt, sich zu manifestieren, bevor auch sie verschwindet, unterstreicht noch diesen melancholischen Geschichtspessimismus. Schließlich symbolisieren die vielen Züge, die sich durch das nach einem Rilke-Vers betitelte dritte Kapitel ziehen, sowohl Aufbruch und Erweiterung als auch Deportation und Tod.

Der Mensch könne sein Wesen erkennen, wenn man es ihm zeige, oder verlieren, wenn man es verhülle. Montesquieus „Vom Geist der Gesetze“ steht über einem Kapitel, das vom Morden in Europa, von Gefängnis und Strafe handelt. Und das der noch immer kämpferische Filmemacher schließlich in eine Opposition setzt zum „glücklichen Arabien“ und eine Philosophie des Ostens, die das Bewusstsein für die Zeit noch nicht verloren hat. Tatsächlich nimmt sich auch Jean-Luc Godard in diesem Schlusskapitel Zeit, um die fiktive Geschichte einer Revolte zu erzählen und damit eine utopische Hoffnung wachzuhalten. Nicht zuletzt ist Godards schillernder, fragiler Zitate-Film „Bildbuch“ die Fortsetzung eines nicht einfriedbaren künstlerischen Selbstgespräches: „Wenn ich mit mir selbst spreche, rede ich mit Worten eines anderen, die ich zu mir selbst sage.“

Bildbuch
(Le livre d'image)
Schweiz 2018 - 85 min.
Regie: Jean-Luc Godard - Produktion: Fabrice Aragno, Mitra Farahani - Kamera: Fabrice Aragno - Schnitt: Jean-Luc Godard, Fabrice Aragno - Verleih: Grandfilm - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: N/A
Kinostart (D): 04.04.2019

Foto: © Grandfilm