Leave No Trace

(USA 2018; Regie: Debra Granik)

Das Eigene suchen

Keine Spuren zu hinterlassen, ist wichtig, um nicht entdeckt zu werden. Will (Ben Foster) und seine jugendliche Tochter Tom (Thomasin McKenzie) üben sich von Zeit zu Zeit darin, Spuren zu verwischen, sich im Dickicht zu tarnen und neue Pfade anzulegen. Ihre Übungen ähneln dann einer Art militärischem Überlebenstraining. Auch ihr Camp, bestehend aus einem Zelt, einer Feuerstelle und diversen Verstecken, gleicht einem gut getarnten, jederzeit auflösbaren Provisorium. Situiert ist es im ausgedehnten Forest Park in der Nähe von Portland, Oregon. In dieses grüne Paradies aus Bäumen, Büschen und Farnen haben sich die beiden Zivilisationsflüchtigen zurückgezogen. Doch die wesensverwandten Außenseiter wirken nicht wie Aussteiger mit einem alternativen Lebenskonzept. Mittlerweile gut angepasst an die neuen Umweltbedingungen, scheinen sie eher einer inneren Notwendigkeit zu folgen.

Debra Granik beginnt ihren ruhigen, behutsam erzählten Film „Leave No Trace“ mit Bildern des üppig sprießenden Grüns einer von leichtem Regen benetzten Waldnatur; und mit Szenen eines abgesonderten Lebens, in dem sich die beiden schweigsamen Protagonisten mit zärtlichem Vertrauen eingerichtet haben. Vater und Tochter können sich aufeinander verlassen. Sie sammeln Pilze, fangen Regenwasser auf und bauen Gemüse an. Als sie einmal zu einem Versorgungsgang in die Stadt aufbrechen, müssen sie – auch in einem symbolischen Sinn – über eine Brücke gehen und in einer Luftseilbahn das Gleichgewicht halten. Nachts schreckt Will aus Alpträumen auf. Offensichtlich leidet der Kriegsveteran an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Und offensichtlich ist seine Frau und Toms Mutter schon seit langem gestorben. Aber das erfahren wir nur in Andeutungen und in über den Film verstreuten Details. Die Vergangenheit der beiden bleibt weitgehend im Dunkeln. Überhaupt wahrt Debra Granik in ihrem sensibel inszenierten, aufs Wesentliche konzentrierten Film immer eine gewisse Distanz zu ihren verschlossenen, scheuen Helden.

Sie besetzten „illegal öffentliches Land“, lautet das absurde Vergehen, als man die beiden schließlich entdeckt, abführt und ihr „Zuhause“ zerstört. Nach diversen standardisierten Testverfahren, die keine auffällige oder belastbare Abweichung der Untersuchten ergeben, allerdings die Fragwürdigkeit maschineller Methoden zeigen, „verpflanzt“ man die beiden Abtrünnigen zur sozialen Wiedereingliederung auf eine Farm, wo Will den normgerechten Schnitt von Weihnachtsbäumen „erlernt“. „Alles ist jetzt anders“, sagt Tom, die sich um Anpassung bemüht. Doch während sich das Mädchen zaghaft integriert und sich über den Umgang mit Tieren auch an die Gemeinschaft mit Menschen gewöhnt, scheint sein Vater für diese verloren. Will beharrt auf der Freiheit der Gedanken und schmiedet längst Fluchtpläne.

Nach ihrem beeindruckenden Film „Winter’s Bone“ (USA 2010) widmet sich Debra Granik in „Leave No Trace“ mit einem genauen, unterschwellig kritischen Realismus erneut den Vergessenen und Traumatisierten am Rande der amerikanischen Gesellschaft, die im übertragenen Sinn vielleicht tatsächlich keine Spuren hinterlassen. Ihr Film fungiert diesbezüglich als Korrektiv zu den offiziellen Bildern und Erzählungen. Daneben schildert Granik einfühlsam und auf tief berührende Weise eine ganz besondere Vater-Tochter-Geschichte, die in einem Aufbruch und in einer emotional bewegenden Loslösung mündet. Das ihr Eigene in der Gemeinschaft mit anderen suchend und zugleich ihre Unabhängigkeit behauptend, wird die Tochter mit traurigem Unterton zu ihrem verständnisvollen Vater sagen: „Dein Bedürfnis ist nicht meins.“

Leave No Trave
USA 2018 - 109 min.
Regie: Debra Granik - Drehbuch: Debra Granik, Anne Rosellini - Produktion: Michael Bloom, Jason Cloth - Kamera: Michael McDonough - Schnitt: Jane Rizzo - Verleih: Sony Pictures - FSK: ab 6 Jahren - Besetzung: Ben Foster, Thomasin McKenzie, Dana Millican
Kinostart (D): 13.09.2018

DVD-Starttermin (D): 17.01.2019

IMDB-Link: https://www.imdb.com/title/tt3892172/
Foto: © Sony Pictures