Glass

(USA 2018; Regie: M. Night Shyamalan)

This Has Always Been a Glass Society: X-Men in Spasmen, End-Wendungen, Trance und Trauer als Trademark

„The Sixth Sense“, „The Village“, „The Visit“. Retroaktive Thriller, deren Enden alles wenden, ihre jeweilige „Welt“ von Grund auf umdefinieren, uns den Boden unter den Füßen wegziehen. Das sind Trademarks des kapriziösen Hollywood-Regisseurs M. Night Shyamalan, stets verwoben in Soziopanoramen von Trauma, Trauer und Verlust, angesiedelt in Amerikas Gründungshauptstadt Philadelphia. Erwartungsgemäß unerwartet wird es immer schon anders gewesen sein.

Die Reize und Register der Retroaktion wendet Shyamalan nun auf sein eigenes Oeuvre an. Sein Psychokiller-Rätselschocker „Split“ entpuppte sich vor zwei Jahren unmittelbar vor dem Vorspann als Fortsetzung seines Melodrama-Mystery „Unbreakable“ von anno 2000: als ein „Geheim-Sequel“, auf das siebzehn Jahre lang eigentlich niemand gewartet hat. „Glass“ beschließt nun, was offenbar seit jeher eine herrlich verhatscht phrasierte Trilogie über Superhelden – oder Psychopathen? – und deren endlos schmerzhafte Initiation war. Der actionreichste der drei Filme (auch der schwächste – aber immer noch recht gut) fusioniert leidende Delirien: die „Unbreakable“-Dyade (manischer Mastermind mit „Glasknochen“-Krankheit, unverwundbarer Security-Mann als „der Aufpasser“) und den muskulär eruptiven „Split“-Schizophrenen namens The Horde. Oder Beast. Oder Patricia…

An seinem endlosen Ende versprüht „Glass“ – via Dialog, Monolog und intensiver Glasfaserkabelnutzung – manches an Weisheit in Sachen „Wir wollen alle speziell sein“ sowie in Sachen Konventionen von Comics (ein Grundkurs für Desinteressierte: Was ist ein „Showdown“?). Redselige Prätention mit einem Hang ins Mystische war – immer schon – Shyamalans Schwäche: sein Laster und seine (superheroische) weakness. Sein Figuren- und Motiv-Universum aber ist im besten Eigen- und Starrsinn idiotisch – eigenbrötlerisch und idiosynkratisch, zumal in einer Zeit, in der Hollywood-Genrekino in Echtzeit oder vorausplanend an Publikumswünsche heranmoduliert wird. Dass sich in „Glass“ auch die Nebenfiguren und ihre Darsteller*innen von vor knapp zwanzig Jahren wieder versammeln, zählt mehr als die Überlegung, ob wir als Filmpublikum da verstehensmäßig bei allem mitkommen. (Siehe etwa das Zitat eines Vater-Sohn-Dialogs über die mit Absicht unfreiwillig komische, grandiose Gewichtheber-Szene oder Shyamalans Weiterführung seiner Cameo-Figur, beide aus „Unbreakable“ [ersteres offenbar in Form einer damals im Endschnitt nicht verwendeten Szene]: Das ist Futter für Fans von etwas, das nicht wirklich welche hat. Also, nicht auf dem Marvel- und Star Wars-Niveau, auf dem Fankultur-Maschinerien heute laufen.)

Vom Terror des Mitkommen-Müssens sind wir hier aber schon deshalb erlöst, weil dieses Universum ohnedies selbst oft ostentativ – und eben sehr super – haltmacht, erstarrt, erschlafft: Die Geigen flirren, die Close-ups fixieren, Schwenks schwadronieren, und Trancen befallen selbst noch tobende Entscheidungskämpfe. Der Wahrheitsort, an dem sich der Film imposant festläuft (als wär’s einer dieser alten Irrenhaus-Schocker mit Institutionen-Koller, aber weitab von der öden Klaustrophobie-Routine heutiger Spukhausfilme), ist eine Klinik, in der Leute interniert und therapiert werden, die sich für Superhelden halten. Dieses Setting, samt engagierter Psychiaterin im Gesprächsbehandlungsmodus (auch mit einer grandios simplen Methode zur Kontrolle des eingesperrten Schizo: eine Batterie von Blitzlichtern…), das zieht der Film mit Pokerface semirealistisch durch, so als wäre dies eine weit verbreitete psychische Erkrankung. (Oder ist sie das wirklich? Bin ich etwa ein Superhirn mit Cerebro-Flatrate, dass ich das wissen kann? Jedenfalls scheint dieses Symptombild jene früher weit verbreitete Manie abgelöst zu haben, bei der Leute sich für Napoleon hielten und in Witz-Cartoons und Fernseh-Sketches mit „Irrenhaus“-Setting daran als „Geistesgestörte“ erkennbar waren, dass sie eine Hand in ihre Hemdknopfleiste gesteckt hatten.)

Prägnanter als die kulturdiagnostischen Sprechdurchfälle von Shyamalans Filmen – obwohl die schon auch liebzugewinnen sind, und die Art, wie in „Glass“ die Polizei ins Bild kommt, nämlich von vornherein als Farce von einem Fascho-Verein, das ist schon einnehmend –, prägnanter also sind bei diesen Filmen seit jeher ihre gewarpten Zeiten, ihre auf irgendwie seltsame Weise „alten“ Räume (manche davon sind Historylands…) – und ihre in Posen verkrampften, mehr intensiven denn mobilen Körper (nicht alle davon sind dead people). Dementsprechend und beeindruckend ist Samuel L. Jackson hier ganz Tic, Bruce Willis ist ganz Kopf, und James McAvoy ist ganz Spasmus. Mit den X-Men teilt Shyamalans Trilogie den letzteren Schauspieler sowie die Figur eines manipulierenden Denkers im Rollstuhl – und den Status als „ältestes aktives Superhero-Kino-Franchise“. (Den Titel „weirdestes Superhero-Kino-Franchise“ wird ihr kein anderes Universum streitig machen.) Kurz zurückgedacht ins Jahr 2000, als ganz unzerbrechlich etwas begann, das nun in Glassplittern endet, und das durch die Zersplitterung reflexiv ist noch in der Diffraktion: Damals, vor 9/11, noch tief im Web 1.0, da mutete das Thema Comic-Helden so eigen an wie „Glass“ heute. Security war ein düsteres Omen, Transparenz noch keines. Wir waren damals schon split, aber darüber maximal traurig. Sie war damals schon, immer schon um uns, und heute tobt es in ihr, in der Glass Society.

Glass
USA 2018 - 129 min.
Regie: M. Night Shyamalan - Drehbuch: M. Night Shyamalan - Produktion: Marc Bienstock, Jason Blum, M. Night Shyamalan - Kamera: Mike Gioulakis - Schnitt: Luke Ciarrocchi - Musik: West Dylan Thordson - Verleih: Walt Disney - FSK: ab 16 Jahren - Besetzung: Bruce Willis, Samuel L. Jackson, James McAvoy, Anya Taylor-Joy, Spencer Treat Clark, Charlayne Woodard, Sarah Paulson
Kinostart (D): 17.01.2019

IMDB-Link: https://www.imdb.com/title/tt6823368/
Foto: © The Walt Disney Company Germany GmbH