Donbass

(UKR/D/FR 2018; Regie: Sergei Loznitsa)

Das hässliche Antlitz des Menschen

Der ukrainische, in Berlin lebende Filmemacher Sergei Loznitsa, der in seinen Arbeiten ein dezidiert politisches Interesse mit einer radikalen Ästhetik verbindet, erweist sich zunehmend deutlicher als ethisch-philosophischer „Menschenerforscher“. In seinem episodisch gebauten, szenisch funktionierenden Film „Donbass“, der vor dem Hintergrund des seit 2014 andauernden Krieges im titelgebenden Donezbecken der Ostukraine angesiedelt ist, erkundet er auf grotesk-absurde Weise das hässliche Antlitz des Menschen, wie es sich inmitten von Chaos, aufgelösten gesellschaftlichen Strukturen und Gewalt zeigt.

Dabei verknüpft der vom Dokumentarfilm herkommende Loznitsa einen nüchternen, von langen Handkamera-Sequenzen getragenen Realismus mit Elementen der Farce. Diese Passagen, denen ein Hang zur überspitzten Theatralik anhaftet, sind oft ins Absurde gedehnt, etwa wenn die Beweise für die Veruntreuung von Mitteln einer Entbindungsklinik durch den Gegenbeweis ihres Vorhandenseins scheinbar entkräftet werden. Doch der wortreich schauspielernde „Manager“ täuscht das Personal im Auftrag des Klinikchefs. Die vielfache, teils doppelbödige Inszenierung der Wirklichkeit, auch mit filmischen Mitteln, ist in Loznitsas schonungsloser Analyse gewissermaßen das propagandistische Gegenstück zur alltäglichen Korruption. Da werden Schauspieler eingangs als (fiktive) Kriegszeugen offensichtlich für Fake-News inszeniert, um am Ende dann als (reale) Opfer rücksichtlos missbraucht und medienwirksam „ausgeschlachtet“ zu werden.

Das alltägliche Chaos des schmutzigen, hybriden Krieges erzeugt aber nicht nur Propaganda und Indoktrination, korrupte Nutznießer und profitgeile Mitläufer, sondern auch brutale Gewalt. Sergei Loznitsa zeigt mehrere Kontrollschikanen, in denen die Schemata von Zuschreibungen widersinnige Züge annehmen, er thematisiert Zwangsmaßnahmen und Beschlagnahmungen unter dem Deckmantel der Solidarität und er vermittelt, wohin Angst und Schrecken den Menschen führen. Ob es sich dabei um ukrainische Regierungstruppen oder um prorussische Separatisten handelt, ist nicht immer leicht zu entscheiden und vielleicht nebensächlich. Wichtiger scheinen für Loznitsa das hässliche Gegeneinander im Ausnahmezustand sowie die Dynamik der Gewalt. In einer der Schlüsselszenen des Films wird ein angeblicher Verräter und Kollaborateur öffentlich an den Pranger gestellt und dem Volkszorn preisgegeben: Immer rücksichtsloser und widerlicher werden die Demütigungen, die er zu erleiden hat, immer mitleidloser die brutale Gewalt durch die anwachsende Menge an Schaulustigen und Mitläufern.

Die politischen, ideologischen und geographischen Grenzverläufe in Sergei Loznitsas neuem Film „Donbass“ sind für den Nichteingeweihten nur schwer zu erkennen. Diese mangelnde Identifizierbarkeit hat Methode und lenkt den Blick des Zuschauers umso mehr auf grundsätzliche Verhaltens- und Handlungsmuster, mithin auf das Wesen der menschlichen Natur.

Donbass
Ukraine, Deutschland, Frankreich 2018 - 121 min.
Regie: Sergei Loznitsa - Drehbuch: Sergei Loznitsa - Produktion: Titus Kreyenberg - Kamera: Oleg Mutu - Schnitt: Danielius Kokanauskis - Verleih: Salzgeber - FSK: ohne Angabe - Besetzung: Boris Kamorzin, Valeriu Andriuta, Tamara Yatsenko, Liudmila Smorodina, Olesya Zhurakovskaya
Kinostart (D): 30.08.2018

IMDB-Link: https://www.imdb.com/title/tt8282042/
Foto: © Salzgeber