In the middle of the river

(D/USA 2018; Regie: Damian John Harper)

In der Kriegszone Amerikas

Erst ist die Leinwand schwarz, sind nur Geräusche zu hören, bevor ein junger Mann – unruhig, nervös, panisch – Tabletten schluckt, sein Spiegelbild prüft. Dann, abrupt und mit unkontrolliert wuchtiger Energie, schlägt er zu, demoliert er wütend den Handtuchspender der Toilettenanlage. Die fiebrige, intensive Handkamera von Bogumił Godfrejów ist nah an ihm dran, folgt ihm in Echtzeit hinaus auf einen Parkplatz ins nächtliche Dunkel, zu einem aggressiven Handgemenge, in die Enge eines Autos, später schließlich ins Haus seiner Familie, wo die hitzigen Wortgefechte weitergehen, eskalieren. Gabriel (Eric Hunter) kommt nach fünf Jahren aus dem Irak-Krieg zurück. Er ist schwer verletzt und trägt eine Bein-Prothese, was der Film nur nebenbei zeigt; vor allem aber leidet er unter einer posttraumatischen Belastungsstörung. Weil er unehrenhaft aus der US-Armee entlassen wurde, gewährt ihm der Staat nur wenig Unterstützung.

Eigentlich will Gabriel sein Leben ändern, bei seiner früheren Freundin Dana (Niki Lowe), die in einem nahen Indianer-Reservat lebt, um Verzeihung für seine abrupte Flucht bitten und sein Politik-Studium wieder aufnehmen. Doch in dem kurzen, vielleicht nur zwei Tage und drei Nächte umfassenden Berichtszeitraum von Damian John Harpers furiosem Film „In the middle of the river“ ist der Kriegsveteran vor allem ein Getriebener, der nach Schuldigen sucht. Seine geliebte Zwillingsschwester Naomi ist unter mysteriösen Umständen zu Tode gekommen; und Gabriel vermutet den Täter in beziehungsweise im Umfeld der Familie.

In der Mitte des Flusses, so heißt es einmal in Anspielung auf den Filmtitel, werde ihm der Atem abgeschnürt. Der Protagonist befindet sich in der Mitte von Gewaltbeziehungen, die mehrere Generationen umfassen und sich in einem permanenten Gegeneinander, einer Abfolge von Gewalt und Gegengewalt entladen. Er empfindet sein Zuhause irgendwo im ländlichen New Mexico als „Kriegszone“: Drogenkriminalität, Alkoholsucht, Waffengewalt und offener Rassismus zeigen ein Amerika der Unterprivilegierten und Abgehängten. „Tod oder Schande: Das ist unser Lebensmotto“, sagt einer von ihnen mit dem bezeichnenden Spitznamen „Trigger Finger“. Doch Gabriel, gefangen in seiner Geschichte und seiner Herkunft, will nicht mehr kämpfen. Noch getrieben von Rache, wird sich seine Perspektive allmählich ändern.

Damian John Harper, ein studierter Anthropologe, der hier mit Laien teils wahre Geschichten erzählt, verzahnt Gabriels Schicksal mit demjenigen seines straffälligen jüngeren Bruders sowie mit den Gewalterfahrungen seiner Freundin und seines Großvaters, einem Vietnam-Veteran. Das wirkt in der Summe zwar etwas überladen und im letzten Drittel des Films, wenn die langen Einstellungen von einer forcierten Parallelmontage abgelöst werden, mitunter schematisch zugespitzt. Trotzdem zeichnet „In the middle of the river“ wuchtig und authentisch ein realitätsnahes, schockierend gewalttätiges Bild vom „anderen Amerika“, das sehr aktuell ist. Dabei entlässt Harpers intensiver, nachwirkender Film den Zuschauer nicht ohne Hoffnung auf Versöhnung.

In the middle of the river
Deutschland, USA 2018 - 113 min.
Regie: Damian John Harper - Drehbuch: Damian John Harper - Produktion: Jonas Weydemann, Jakob Weydemann - Kamera: Bogumil Godfrejow - Schnitt: Lorna Hoefler Steffen - Musik: Lajos Wienkamp-Marques - Verleih: Farbfilm Verleih - FSK: ohne Angabe - Besetzung: Eric Hunter, Max Thayer, Nikki Lowe, Matt Metzler, Ava Del Cielo, Johnny Visotcky
Kinostart (D): 16.08.2018

IMDB-Link: https://www.imdb.com/title/tt6096542/
Foto: © Farbfilm Verleih