Gute Manieren

(BR/FR 2017; Regie: Juliana Rojas, Marco Dutra)

In der Verwandlung gefangen

Eine große Brücke verbindet einen der ärmeren Stadtteile der brasilianischen Metropole São Paulo mit der modernen Hochaussiedlung auf der anderen Seite, wo Bürokomplexe, schicke Geschäfte und Wohntürme in den Himmel ragen. Die alte und die neue Welt sind nur durch einen Fluss getrennt; und doch ist dieser Grenze eine vielfache Differenz eingeschrieben. Wenn die in sozial prekären Verhältnissen lebende Krankenschwester Clara (Isabél Zuaa) zu Beginn von Juliana Rojas‘ und Marco Dutras Film „Gute Manieren“ vor den verglasten Türen eines jener Wolkenkratzer steht und auf das Signal des Türöffners wartet, blickt sie uns an. Ihr Einlass vollzieht sich äußerlich als Übertritt in eine fremde Sphäre, doch Clara, so zeigt sich bald, ist stolz und stark und selbstbewusst genug, um ihren Platz in der Gesellschaft und im Leben zu kennen.

Ihre Bewerbung als zukünftige Kinderbetreuerin bei der schwangeren und scheinbar ziemlich wohlhabenden Ana (Marjorie Estiano) hat Erfolg, weil die einfühlsame Clara ein zuverlässiges Gefühl für die Schwächen ihres Gegenübers hat. Ihr umsorgendes Wesen, das von Ana durchaus gewünscht und gefordert wird, dehnt sich bald auf den ganzen Haushalt aus. Währenddessen entwickelt sich eine homoerotische Beziehung zwischen den beiden attraktiven Frauen, die bald durch ein dunkles Schicksal miteinander verbunden sind. Ana, wegen ihrer unehelichen Schwangerschaft von ihrer reichen Familie verstoßen, leidet unter mysteriösen Komplikationen und entwickelt bei Vollmond einen Somnambulismus. Dieser geht einher mit einem Heißhunger auf blutiges Fleisch. Jenseits gesellschaftlicher Hierarchien erkennt Clara, dass sie Ana vor sich selbst und anderen schützen muss. Als diese in einer dramatisch-schaurigen Niederkunft schließlich ein Kind gebärt, erweist sich das neugeborene Wesen in seiner Doppelexistenz als ebenso gefährlich wie verletzlich.

Die beiden brasilianischen Filmemacher inszenieren in ihrer phantastisch-märchenhaften Geschichte konsequent diese Ambivalenz zwischen der animalischen und der menschlichen Seite des Kindes, das in seinen Verwandlungen gefangen ist. Inspiriert von Jacques Tourneurs „Katzenmenschen“ (1942) und den Märchenfilmen Walt Disneys akzentuieren sie die Differenz zwischen Zivilisation und Instinkt, Mythos und Moderne. Dabei verwenden sie Elemente des Horror-Genres, um auf ebenso spannende wie verstörende Weise über Klassenunterschiede, Ausgrenzung und Außenseitertum zu sprechen. Schließlich erzählen Rojas und Dutra in ihrem preisgekörnten, zwischen Faszination und Schrecken changierenden Film aber auch von einer besonders bizarren und zugleich sehr zärtlichen Mutter-Sohn-Beziehung. Der kindliche Widerstand auf dem Weg in die Selbständigkeit und eine aufopferungsvolle mütterliche Liebe werden dabei in eine feine, stets zerbrechlich wirkende Balance gebracht.

Gute Manieren
(Aa boas maneiras)
Brasilien, Frankreich 2017 - 135 min.
Regie: Juliana Rojas, Marco Dutra - Drehbuch: Juliana Rojas, Marco Dutra - Produktion: Frédéric Corvez, Clément Duboin, Sara Silveira - Kamera: Rui Poças - Schnitt: Caetano Gotardo - Musik: Gustavo Garbato, Guilherme Garbato - Verleih: Salzgeber - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Isabél Zuaa, Marjorie Estiano, Miguel Lobo, Cida Moreira, Andrea Marquee, Felipe Kenji, Nina Medeiros
Kinostart (D): 26.07.2018

IMDB-Link: https://www.imdb.com/title/tt5480782/
Foto: © Salzgeber