Loveless

(RU/FR/DE/BE 2017; Regie: Andrey Zvyagintsev)

Verlorene Menschlichkeit

Lange verharrt die Kamera auf einem alten, mächtigen Baum mit kahlen, verschlungenen Ästen, die sich dunkel im fahlen Winterlicht abzeichnen. Dann folgt stumm eine Serie von Naturstillleben, von Ansichten eines kleinen Wäldchens an einem stillen, zugefrorenen Fluss, dessen Fläche berückende Spiegelbilder wirft. Wenn kurz darauf im Hintergrund dieser Idylle eine Hochhaussiedlung sichtbar wird und Kinder ein leicht baufälliges Schulgebäude verlassen, sind wir als Zuschauer im Kontrast zwischen Natur und Zivilisation, zwischen alter und moderner Welt angekommen, die sich fremd und unvereinbar gegenüber stehen. Andrei Swjaginzew arbeitet in seinem neuen, beeindruckenden Film „Loveless“ beständig an diesem Kontrast, spitzt ihn noch zu, wenn er den Materialismus einer seelenlosen Wohlstandsgesellschaft zeigt, deren Menschen sich im Konsum von Äußerlichkeiten verlieren. Längst hat der globale Kapitalismus auch die russische Gesellschaft eingeholt.

Das kafkaeske Großraumbüro mit seinen vielzähligen, anonymen Computerarbeitsplätzen, an denen die Angestellten förmlich mit den Maschinen verschmelzen, funktioniert als Metapher dieser Entfremdung. Hier ist der Familienvater Boris (Alexei Rosin) mehr oder weniger lustlos, vor allem aber möglichst unauffällig in den Routinen und Wiederholungsschleifen seines Arbeitsalltags gefangen. Derweil kümmert sich seine attraktive Frau Schenja (Marjana Spiwak), die einen Kosmetiksalon leitet, um den Verkauf der gemeinsamen Wohnung. Die beiden tief zerstrittenen, sich nur noch mit Hass und aggressiven Schuldzuweisungen begegnenden Eheleute wollen sich nämlich scheiden lassen. Darunter leidet vor allem ihr gemeinsamer 12-jähriger Sohn Aljoscha (Matwei Nowikow), der ungeliebt und ungewollt ist. Völlig hilf- und trostlos hört er heimlich, wie sich seine Eltern um seine Abschiebung in ein Internat streiten, weil sie nicht mehr länger Verantwortung für ihn übernehmen möchten. Seit geraumer Zeit mit jeweils neuen Partnern liiert, steht der Junge ihren egoistischen Selbstverwirklichungsplänen im Wege.

Dann verschwindet Aljoscha plötzlich, was seine gleichgültigen, um ihr eigenes Glück besorgten Eltern noch nicht einmal gleich bemerken. Zu sehr sind sie mit der selbstsüchtigen Modellierung ihres Lebens, seiner körperlichen Optimierung und seiner materiellen Neueinrichtung beschäftigt. Weil der postsozialistischen Polizei die Mittel fehlen, kümmert sich ein freiwilliger Such- und Rettungsdienst um den Fall, der mit seinem solidarischen Handeln gewissermaßen den Altruismus einer verloren gegangenen Menschlichkeit verkörpert.

Andrei Swjaginzew widmet entsprechend der Systematik und Ausdauer dieser intensiven Suche, in deren Verlauf sich trotz Anteilnahme und Kooperation die mitleidlosen ehelichen Fronten eher noch verhärten, lange Passagen seines erschütternden Films. Sein Kameramann Michail Kritschman findet dafür atmosphärisch dichte Bilder, in denen Motive aus Filmen von Andrei Tarkowski und Theo Angelopoulos anklingen. Darüber hinaus verknüpft Swjaginzew sein konsumkritisches Ehe- und Familiendrama mit Nachrichten über den Krieg in der Ostukraine, mit Zeichen gegenwärtigen Verfalls sowie dem offiziellen Verbot „apokalyptischer Propaganda“ in dem Jahr (2012), für das angeblich der Maya-Kalender den Weltuntergang vorhergesagt hat. Dass sich die Lieblosigkeit fortsetzen wird, solange die Menschen sich selbst die Nächsten bleiben, daran lässt der russische Regisseur keinen Zweifel.

Loveless
(Nelyubov)
Russland, Frankreich, Deutschland, Belgien 2017 - 127 min.
Regie: Andrey Zvyagintsev - Drehbuch: Oleg Negin, Andrey Zvyagintsev - Produktion: Gleb Fetisov, Sergey Melkumov - Kamera: Mikhail Krichman - Schnitt: Anna Mass - Musik: Evgueni Galperine, Sacha Galperine - Verleih: Wild Bunch - FSK: ab 16 Jahren - Besetzung: Maryanna Spivak, Alexey Rozin, Matvey Novikov, Varvara Shmykova, Polina Aug
Kinostart (D): 15.03.2018

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt6304162/
Foto: © Wild Bunch