western

Western

(D/AT/BG 2017; Regie: Valeska Grisebach)

Cowboys in Europa

Direkt aus der heruntergekommenen Sammelunterkunft geht es für eine Gruppe deutscher Bauarbeiter ins bulgarisch-griechische Grenzgebiet, wo sie für ein größeres Bauvorhaben die Infrastruktur schaffen sollen. Mit schwerem Gerät und viel Körpereinsatz. Die Männer leben in einer Hütte in der Nähe der Baustelle. Erste Kontakte mit der einheimischen Bevölkerung am Fluss verlaufen unglücklich und sorgen für Verstimmungen.

Die reisefreudigen unter den deutschsprachigen FilmemacherInnen begeben sich gerne einmal auf Erkundungsreise gen Osten: nach Tschechien, in die Slowakei, die Ukraine oder nach Rumänien. Erinnert sei nur an Filme wie „Blue Moon“ (2002), „Slumming“ (2006), „Import/Export“ (A 2007) oder jüngst „Toni Erdmann“ (D 2016; R: Maren Ade). Mit Bildern und Konstellationen ihrer TV-Western-Sozialisation im Kopf hat Valeska Grisebach („Sehnsucht“; D 2009) die frontier mit mehr als überzeugenden Ergebnissen in den Wilden Osten verlegt.

Im Gegensatz zu Thomas Arslans „Gold“ (D 2015) kann Grisebach durch das klug gewählte Setting auf historische Kostümierung verzichten und einen »modernen Western« drehen. Hier wird einerseits mit modernen Baumaschinen das agrarisch geprägte Hinterland urbar gemacht, andererseits auf Pferden geritten, Flagge gezeigt und Tauschhandel mit den Eingeborenen betrieben. Die vorhandene Sprachbarriere erfordert besondere Sensibilität, Zurückhaltung und Respekt im interkulturellen Umgang, Qualitäten, die in unterschiedlichen Charakteren unterschiedlich ausgeprägt sind, was innerhalb der Männergruppe schnell zu Reibereien und Rivalitäten führt. Allesamt Motive und Konflikte, die in unzähligen Western ausbuchstabiert wurden, aber auch hier bestens und höchst unterhaltsam tragen, unterstützt und befördert durch die immer wieder überraschende und den Blick öffnende Bildgestaltung von Bernhard Keller. Hinzu kommt, dass Grisebach komplett auf Laiendarsteller gesetzt hat, was dem ruhigen Bilderfluss quasi dokumentarische Qualitäten verleiht.

„Western“ ist auch ein genau beobachteter Film über Männer mit Statusinkonsistenzen, die „auf Montage“ in der Fremde teilweise eine etwas altmodisch erscheinende Form von Männlichkeit »genießen« oder dies als Selbstentwurf zumindest einmal versuchen. Andererseits – und dies ist nun die Pointe von „Western“ – ist die Frontier-Erfahrung der Bauarbeiter, die Stimmigkeit der Western-Motive in der Wahrnehmung des Zuschauers natürlich immer als eine Projektion erkennbar, ein bewusst konstruiertes Narrativ, ein Rollenspiel mit Ungleichzeitigkeiten, Resultat der hintersinnigen Konstruktion Valeska Grisebachs.

Dieser Text ist zuerst erschienen in: Konkret

Western
Deutschland, Österreich, Bulgarien 2017 - 121 min.
Regie: Valeska Grisebach - Drehbuch: Valeska Grisebach - Produktion: Maren Ade, Jonas Dornbach, Valeska Grisebach, Janine Jackowski, Michel Merkt - Kamera: Bernhard Keller - Schnitt: Bettina Böhler - Verleih: Piffl Medien - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Meinhard Neumann, Reinhardt Wetrek, Syuleyman Alilov Letifov
Kinostart (D): 24.08.2017

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt5157326/
Link zum Verleih: http://www.piffl-medien.de/film.php?id=161#http://www.piffl-medien.de/
Foto: © Komplizen Film