Winterschlaf

(TR / F / D 2014; Regie: Nuri Bilge Ceylan)

Im Käfig der Sprache

In 'Winterschlaf' arbeitet Nuri Bilge Ceylan in einem dreistündigen Kraftakt die tatenlose Selbstbezogenheit der türkischen Intellektuellen auf. Diese haben sich auf hochgelegene Plateaus zurückgezogen, im Welterklären eingerichtet wie in einer warmen Stube, und scheuen die Konfrontation mit den Belangen des Volkes. So wie das Leben in der türkischen Gegend in Zentralanatolien, in dem der Film spielt, im jahreszeitlichen Winterschlaf versunken ist, so haben scheinbar auch die Kräfte zur Veränderung in der türkischen Gesellschaft ihren Herzschlag aufgrund einer Kältestarre verlangsamt.

Der vermögende Hotel- und Wohnhausbesitzer Aydin lebt mit seiner jüngeren Frau Nicla und seiner alleinstehenden Schwester Necla in Kappadokien, in einer seltsam mit Erdtürmen und Bergen verwachsenen Landschaft, deren Natur- und Hügelformationen die Touristen anlockt. Im höflichen Umgang mit seinen Gästen zeigen sich die Weltoffenheit und Freundlichkeit eines Intellektuellen, der mit dem Schreiben von Kolumnen seine schöngeistige Ader auslebt und handgreiflichen Konflikten lieber aus dem Weg geht. Das Schuldeneintreiben bei der verarmten Mieterschaft im Dorf überlässt er lieber seinen Angestellten und sieht vom Auto aus zu. Von einer erhöhten Stelle. Als sei er nicht der Machtausübende, sondern ein Unbeteiligter. Dass der Protagonist seine eigene patriarchale Einwirkung in die sozialen Landschaften seiner Umgebung völlig falsch einschätzt, macht gleich zu Beginn das Grundnarrativ des Filmes deutlich: Machtgefüge, die für die einen unhintergehbar wirksam sind, können von anderen ausgeblendet werden.

Der Steinwurf eines Jungen, dessen Familie die Miete nicht mehr bezahlen kann und in die Verzweiflung gezwungen wird, reißt Aydin aus seiner Teilnahmslosigkeit. Eine Autoscheibe geht zu Bruch, die verarmte Familie soll für den Schaden aufkommen. Hinter der Kultiviertheit des Hotelbesitzers wird die Ignoranz und Gerechtigkeitslogik eines Menschen sichtbar, der sich und seine ethische Weltsicht zum Maß der Dinge erklärt. Auch in den Beziehungen zu seiner Frau und zu seiner Schwester wird nach und nach die manipulative Besetzer-Mentalität von Aydin sichtbar. Er maßregelt, mischt sich ein, verunglimpft. Nicht brutal oder aggressiv, sondern immer im Gestus der Wohlerzogenheit, der abwägenden Sprache und der Anständigkeit. Gerade in dieser Immunisierung wirkt die moralische Überlegenheit so bevormundend und herablassend. 'Du bist ein kultivierter, anständiger und gerechter Mann', sagt seine Frau Nihal zu ihm, 'doch manchmal benutzt du diese Eigenschaften, um die anderen zu ersticken.' Seine Umgebung scheint von seinem Charakter kolonialisiert, jeder Wille scheint gebrochen, sogar ein Wildpferd soll sich seiner Zähmung beugen. Damit verschiebt sich der Blick auf das Grundnarrativ: Das Ausblenden der Wirklichkeit ist kein passives Wegschauen mehr, sondern ein aktives Umdeuten der eigenen Position in diesem Gefüge. Mit den Mitteln der Sprache.

In der Sprache ist der Kultivierte zu Hause. Hier werden Missstände verhandelt, hier konstituiert sich für ihn die Wirklichkeit. Dass die moralisierende Position gerade von den ökonomischen Vorteilen lebt, die eine Loslösung vom Existenziellen ermöglichen, bleibt der blinde Fleck des Protagonisten. Aber auch die anderen Figuren stehen mit ihrem moralischen Rüstzeug, die Welt zu erklären, auf verlorenem Posten. Denn dieses Rüstzeug scheint zu tief mit persönlichen Befindlichkeiten und Wertvorstellungen verwachsen. Mit jedem Dialog wird dann ein komplexes Beziehungs- und Machtgeflecht freigelegt – so als sei das Soziale eine ähnlich erstarrte und verwachsende Landschaft wie die Naturfelsen Kappadokiens.

„Winterschlaf“ spielt dann auch in zwei Welten. In der Welt der verschneiten Hügel eines kappadokischen Dorfes, in dem die Bewohner gegen Armut kämpfen, ein Kaminfeuer gegen die Kälte hilft und Steine Autoscheiben kaputt schlagen. (Dass Steinwürfe von Kindern auf Polizeifahrzeuge seit einigen Jahren zu Festnahmen und Gefängnisstrafen in der Türkei geführt haben, scheint hier keine zufällige Anspielung zu sein.) Und er spielt in der Welt der Sprache, die nicht weniger Gefälle, Verräumlichung und Kampfarenen zu bieten hat. Beide Welten sind ineinander verzahnt, aber beide folgen eigenen Gesetzen. Dass diese Parallelität nicht durchbrochen wird, scheint dem Regisseur erklärungsbedürftig. Die intellektuelle Durchdringung von Welt jedenfalls scheint nicht zu genügen – damit meint der Regisseur womöglich auch sich selbst.

Liegt in den moralischen Umkreisungen eine ungeheure Sogkraft, derer man sich als Zuschauer kaum entziehen kann, so hat der wild auswuchernde Film möglicherweise ein Problem: Der Regisseur verfängt sich im intellektuellen Spiel und gefällt sich im Aufwerfen von Fragen. Auch wenn diese Konzeption gerade dem schwierigen Verhältnis des Künstlers zu seiner Umgebung entspricht, das in seiner Hauptfigur seine Spiegelung findet, so hinterlässt der ungeheure Aufwand für diese Einsicht einen ermüdenden Beigeschmack.

Benotung des Films :

Ilija Matusko
Winterschlaf
(Kis uykusu)
Türkei / Frankreich / Deutschland 2014 - 196 min.
Regie: Nuri Bilge Ceylan - Drehbuch: Ebru Ceylan, Nuri Bilge Ceylan - Produktion: Mustafa Dok, Alexandre Mallet-Guy, Zeynep Ozbatur Atakan, Sezgi Ustun - Kamera: Gökhan Tiryaki - Schnitt: Nuri Bilge Ceylan, Bora Göksingöl - Verleih: Weltkino Filmverleih - FSK: ab 6 Jahren - Besetzung: Haluk Bilginer, Melisa Sözen, Demet Akbag, Ayberk Pekcan, Serhat Mustafa Kiliç, Tamer Levent, Nejat İşler, Nadir Saribacak, Mehmet Ali Nuroglu
Kinostart (D): 11.12.2014

DVD-Starttermin (D): 26.06.2015

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt2758880/