Vergissmichnicht

(F 2010; Regie: Yann Samuell )

Briefe aus der eigenen Kindheit

Sophie Marceau spielt die toughe Karrierefrau Margaret, die ihren Beruf zum Lebensinhalt gemacht hat. Sie ist mit einem Kollegen zusammen, aber richtige Liebe ist das nicht: sie treffen sich weniger in ihrer Wohnung als bei irgendwelchen Meetings, bei denen es um Prozentpunkte geht und um Wertschöpfung und um die Frage nach Profit auf Kosten der Sicherheit bei dem Atomkraftwerk, das sie für die Chinesen planen. Margaret ist in dieser Welt ganz bei sich, ganz mit sich im Reinen: hier kriegt sie, was sie will, Anerkennung, Erfolg, viel Geld.

Margaret erhält an ihrem 40. Geburtstag den Brief eines Kindes: „Eins kann ich dir sagen: Du bist im blödesten Alter deines Lebens. Ich bin heute 7 Jahre alt geworden und ab jetzt im Alter der Vernunft!“ Und deshalb gibt die Siebenjährige der 40jährigen Ratschläge, Tipps für das, was im Leben wichtig ist; über eine Zeitbrücke von 33 Jahren hinweg. Denn Marguerite, die die Briefe schreibt, ist das jüngere Ich von Margaret, die die Briefe empfängt. Marguerite hat als Kind Briefe an sich als Erwachsene geschrieben, ein Notar hat sie aufbewahrt und leitet sie weisungsgemäß nun, zum Geburtstag, weiter. Dicke Umschläge sind das, vollgestopft mit buntem Mädchenzeug, und vollgestopft mit Anweisungen für ein Leben, wie es sein soll. Das bringt Margaret gehörig durcheinander.

Denn natürlich ist die Lebenssicht ihres siebenjährigen Ichs konträr zu den Werten, die sie jetzt für wichtig erachtet, und schnell wird klar, dass dieser Film von Yann Samuel ein Plädoyer ist für das bessere Leben, das wir als Kinder führten, als Papierflieger, Pfützen und Löchergraben wichtiger waren als Profitmaximierung, Effizienz und Gewinnprognosen. Ein unverhohlen romantisches Märchen ist dieser Film, sichtlich an Jeunets „Fabelhafter Welt der Amélie“ angelehnt – etwa an der Nebengeschichte, in der der Gartenzwerg glücksstiftende Grüße aus aller Welt sendet.

Das ist herzerwärmend märchenhaft, lustig und emotional; das Problem ist, dass der Film spätestens dann zu süßlich wird, als Margaret gemäß den Marguerite-Briefen bei einem Geschäftsessen ein Abendessen ganz aus Schokolade bestellt. Denn mehr als die ohnehin schon recht deutliche Botschaft, dass Geruhsamkeit, kindliche Vorstellungskraft und Fantasie, Einklang mit sich selbst, ursprüngliche Unschuld den Menschen ausmachen und supergut sind, kommt nicht mehr. So wie die Siebenjährige wird auch der pensionierte Notar als Mentor für ein besseres Leben dargestellt; für ein solches findet der Film entsprechende gutmeinende Kitschbilder: Löcher graben in Afrika, damit die armen Negerkinder Brunnenwasser bekommen.

Eins bringt der Film aber treffend und plausibel auf den Punkt: aus den parallelen Geschichten um die 40jährige Margaret und die siebenjährige Marguerite arbeitet Samuel genau heraus, wie und warum es zur Wandlung des Kindes in eine Erwachsene, zur Veränderung der Lebenssicht und Werte kam: Armut und Einsamkeit lassen Marguerite aus Vernunftgründen – in diesem Zeitalter steckt sie ja drin – zum Schluss kommen, dass Reichtum und Erfolg im Leben zählen. Der Film plädiert für die Rückumkehrung dieses Beschlusses: ein an sich richtiges Ziel, das mit falschen, sentimentalen, kitschigen, letztlich verlogenen Bildern erzählt wird.

Benotung des Films :

Harald Mühlbeyer
Vergissmichnicht
(L'âge de raison )
Frankreich 2010 - 89 min.
Regie: Yann Samuell - Drehbuch: Yann Samuell - Produktion: Christophe Rossignon - Kamera: Antoine Roch - Schnitt: Andréa Sedlackova - Verleih: Schwarz-Weiss - FSK: ohne Altersbeschränkung - Besetzung: Sophie Marceau, Marton Csokas, Michel Duchaussoy, Jonathan Zaccaï, Emmanuelle Grönvold, Juliette Chappey, Thierry Hancisse, Déborah Marique
Kinostart (D): 23.12.2010

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1594503/
Link zum Verleih: NULL
Foto: © Schwarz-Weiss