Turn me on

(NR 2013; Regie: Jannicke Systad Jacobsen)

Mit dem Schwanz gepikst

Wenn die fast 16-jährige Alma (Helene Bergsholm) auf der Heimfahrt von der Schule zusammen mit ihren gleichaltrigen Freundinnen das Ortsschild ihrer kleinen Gemeinde passiert, reckt sie demonstrativ den Stinkefinger nach oben. „Scheißkaff, Drecksloch“ lautet ihr derbes Urteil über Skoddeheimen. Das liegt irgendwo in der norwegischen Provinz und besteht aus ein paar verstreuten Häusern, die von Wiesen und Bergen gerahmt werden, einem entfernten Supermarkt und einer noch entfernteren Schule jenseits der Gemarkungsgrenze. Aber vor allem aus „dummen Schafen, dummen Heuballen und dummen Trampolin-Mädchen“, wie Alma sarkastisch aus dem Off die Einzelbild-Montage zu Beginn von Jannicke Systad Jacobsens ironischem Debütfilm „Turn me on“ kommentiert. Im verschlafenen Skoddeheimen ist also nichts los und die Perspektiven sind begrenzt. Als beliebtester Treffpunkt und zugleich als Transitort fungiert deshalb das mit Blumen ausgemalte Bushäuschen am Straßenrand.

Angesichts solcher Tristesse wiegt Almas wilde sexuelle Lust umso schwerer: Auf dem Küchenboden masturbierend, eine Sex-Hotline am Ohr, versucht sie sich Erleichterung zu verschaffen. „Weil ich spitz bin“, vermutet sie bei ihrer alleinerziehenden Mutter Ekelgefühle ihr gegenüber. Dabei kreisen ihre mit romantischem Kitsch ummantelten Sex-Phantasien vor allem um ihren Mitschüler Artur (Matias Myren). Die Räume und Dekors in helles, lichtes Unschuldsweiß getaucht, lässt Jacobsen Traum und Wirklichkeit ineinanderfließen. Das geschieht so selbstverständlich, dass mitunter nicht klar ist, wo Almas Einbildung beginnt und wo sie endet. Jedenfalls behauptet sie nach einer frivolen Party-Begegnung mit Artur und seinem plötzlich entblößten Geschlecht gegenüber ihren Freundinnen: „Er hat mich mit seinem Schwanz gepikst.“

Weil ihr diesen Schlüsselsatz niemand glaubt und Artur überdies den „Übergriff“ trotz insgeheimen Verliebtseins leugnet, wird sie von ihrer Clique fortan ausgegrenzt, gemobbt und mit Häme überzogen. Da hilft ihr auch alles Imponiergehabe nichts; bis Alma schließlich wütend und enttäuscht nach Oslo in die Studenten-WG ihrer älteren Freundin Maria (Julia Bache-Wiig) flüchtet, wo sie nicht nur Verständnis erfährt, sondern auch Momente einer irgendwie stärkenden Freiheit erlebt. Mit einem sensiblen Gespür für die Sorgen und Nöte von Jugendlichen, mit trockenem Humor in Bild und Ton sowie unscheinbar daherkommenden Provokationen erzählt die norwegische Regisseurin eine Coming-of-Age-Geschichte, die unaufgeregt und ganz selbstverständlich das Schwere mit dem Leichten versöhnt.

Benotung des Films :

Wolfgang Nierlin
Turn me on
(Få meg på, for faen)
Norwegen 2013 - 78 min.
Regie: Jannicke Systad Jacobsen - Drehbuch: Jannicke Systad Jacobsen - Produktion: Brede Hovland - Kamera: Marianne Bakke - Schnitt: Zaklina Stojcevska - Musik: Ginge Anvik - Verleih: W-Film - Besetzung: Helene Bergsholm, Malin Bjørhovde, Henriette Steenstrup, Beate Støfring, Matias Myren, Lars Nordtveit Listau, Jon Bleiklie Devik, Julia Bache-Wiig, Julia Schacht, Arthur Berning, Hilde-Gunn Ommedal, Ole Johan Skjelbred-Knutsen, Finn Tokvam, Per Kjerstad, Olaug Nilssen
Kinostart (D): 08.05.2014

DVD-Starttermin (D): 30.11.-0001

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1650407/