Trouble Every Day

(F / D / J 2001; Regie: Claire Denis)

Dying in your arms tonight

“and then the weak were caught by the strong, and with a grinning aspect, first coupled with & then devour’d, by plucking off first one limb and then another till the body was left a helpless trunk; this after grinning & kissing it with seeming fondness they devour’d too” aus: The Marriage of Heaven & Hell von William Blake

Aktuell sind Dominique Strauss-Kahn und das New Yorker Zimmermädchen in aller Munde, so scheint es. Da haben wir den neuesten Skandal, vorgetragen vom Chor der Empörung, den Medien, mal serviert als Gossiphäppchen, als Prominentenumfrage oder gar als moralinsaure Grundsatzdebatte einer ganzen Kultur. Viel Zwischenmenschliches wird dabei vors Blitzlichtgewitter gezerrt und zur öffentlichen Meinungs- und Urteilsbildung freigegeben, bevor der Prozess überhaupt begonnen hat.

Für einen etwas kleineren aber deutlich subtiler inszenierten Skandal sorgte vor rund 10 Jahren die französische Filmemacherin Claire Denis, als sie ihren Spielfilm „Trouble Every Day' in Cannes vorstellte. Der Film, der zeigt, dass Sex zu mehr als nur einem kleinen Tod führen kann, wurde von einem Großteil der Kritiker verrissen. Den einen galt er als zu intellektuell und langatmig, andere wiederum empfanden ihn als geschmacklos und unmenschlich. (Die Frage muss erlaubt sein: Was wäre ein menschlicher Film? „Forrest Gump'?)

Rekonstruiert man einen Plot für „Trouble Every Day', ähnelt er irreführenderweise frappierend einem Horrorfilm mit Anleihen an den Science-Fiction-Film. Der Film beginnt mit der Ankunft des jungen amerikanischen Paares Shane und June Brown (Vincent Gallo und Tricia Vessey) in Paris. Schnell wird deutlich, dass Shane von blutgetränkten Sexfantasien heimgesucht wird und seine krankhaften Gelüste nur mit Hilfe von Tabletten unterdrücken kann. Um seine Frau nicht zu gefährden, bleibt er sexuell abstinent. Parallel hierzu zeigt der Film die verzweifelten Versuche eines Wissenschaftlers (Alex Descas), seine Frau Coré (Béatrice Dalle), die an der gleichen mysteriösen Krankheit wie Shane leidet, zu Hause einzusperren. Coré verweigert die Einnahme ihrer Medizin und bricht immer wieder aus, um Männer beim Koitus durch Bisse zu töten. Bald wird klar, dass Shane und Coré eine gemeinsame Vergangenheit haben.

Es fällt schwer, „Trouble Every Day' zu beschreiben, da der Inhalt bruchstückhaft bleibt, Dialoge spärlich gesät sind und keine wirkliche Charakterzeichnung stattfindet. Vielmehr präsentiert Denis uns Motive und Situationen aus dem Horrorgenre, ohne dessen Gesetzmäßigkeiten und Konventionen zu folgen. Zusammen mit dem kongenialen Soundtrack der Tindersticks schaffen die Horrorelemente vor allem eine Atmosphäre der Melancholie, „Trouble Every Day' ist weniger Horror- als Liebesfilm, sich dabei aber bewusst, dass man auf den Schrecken nicht verzichten kann. Der Zugang zum Horrorfilm ist trotz dieser Metabetrachtung kein intellektualisierender, nie wird anhand von Subtexten ein Diskurs gesponnen und der Film zum moralisierenden Messagefilm. Der Film ist das, was er zeigt und mehr als am Intellekt ist ihm an der Bebilderung der Sinn- und Empfindlichkeit des menschlichen Körpers gelegen.

Dies wird auch in den zwei berüchtigtsten Szenen des Films deutlich: Die erste der beiden ist etwas länger und trifft den Zuschauer in ihrer Gnadenlosigkeit unvorbereitet. Ein junger Mann aus der Nachbarschaft dringt mit einem Freund in das Haus ein, in dem Coré eingesperrt ist. Beim Durchstöbern des Hauses stößt er auf die animalisch wirkende Frau und lässt sich von ihr verführen. Was als normaler Sex beginnt, wird rasch zum Todeskampf, als Coré beginnt, ihn durch Bisse immer mehr zu verletzen. Der Geschlechtsverkehr wird nie unterbrochen, harmloses Liebespiel und grausame Tötung gehen nahtlos ineinander über. Die zweite Szene zeigt schließlich Shane, wie er ein Zimmermädchen des Hotels, in dem er mit June wohnt, auf ähnliche Weise tötet. Es muss wohl Spekulation bleiben, welche Reaktionen vor allem diese zweite Szene in einem nach der Strauss-Kahn-Affäre entstandenen Film hervorrufen würde.

Fakt ist aber, dass beide Szenen sich nicht an der Grausamkeit ergötzen und den Schrecken ausstellen. Sie sind recht kurz gehalten, die Darstellung des Geschlechtsverkehrs gleitet nie ins Pornographische und auch Freunde von Splatter und Gore werden wohl nicht auf ihre Kosten kommen. Die Gewalt ist gleichermaßen faszinierend wie abstoßend, das Sterben hat sowohl etwas Erbärmliches als auch etwas Anrührendes. Zwischen den Polen Kannibalismus und Vampirismus wird die körperliche Liebe hier zu einer ganz eigenen Monstrosität, wo jeder Kuss zum Biss werden kann und mit dem Orgasmus der Tod kommt.

Trotz der hohen Intensität und des provozierenden Inhalts dieser Szenen ist der Rest des Films keinesfalls Leerlauf oder bloße Rechtfertigung für die „Schockszenen“. Immer wieder bietet „Trouble Every Day' Momentaufnahmen, die geradezu zärtliche Einblicke in den Alltag und die Beziehungen der Protagonisten erlauben. Da wäre das Zimmermädchen, das sich nach einem anstrengenden Tag die wunden Füße wäscht, Coré, die von ihrem Mann liebevoll vom Blut eines ihrer Opfer gereinigt wird oder die Bissspur an Junes Schulter, die von der unterdrückten Aggressivität ihres Ehemanns zeugt, die sie beide aushalten müssen.

Kamerafrau Agnès Godard leistet hierbei hervorragende Arbeit, speziell die Aufnahmen der Körperlandschaften stechen hervor. In einer Kultur, in der die pornografische Pose längst im Alltag angekommen ist und wo jede Brust an die optimale Stelle gephotoshoppt wird, darf es als Leistung gelten, den menschlichen Körper so zu filmen, als sähe man ihn zum ersten Mal. Hier herrscht eine angenehme Verwirrung, die sich jeder platten Eindeutigkeit entzieht. Überhaupt ist es eine große Leistung von „Trouble Every Day', sich durch seine offene Struktur von Stereotypen und Klischees loszusagen. Mann wie Frau werden hier zum Tier – falls es überhaupt einen nennenswerten Unterschied geben sollte zwischen Mann und Frau, zwischen Mensch und Tier.

„Trouble Every Day' erzählt davon, wie schwierig es ist, Intimität herzustellen und zu bewahren und gegen welche Unmöglichkeiten Zweisamkeit bestehen kann. Der Skandal ist ein anderer.

Benotung des Films :

Carsten Moll
Trouble Every Day
(Trouble Every Day)
Frankreich / Deutschland / Japan 2001 - 101 min.
Regie: Claire Denis - Drehbuch: Claire Denis, Jean-Pol Fargeau - Produktion: Georges Benayoun, Philippe Liégeois, Jean-Michel Rey - Kamera: Agnès Godard - Schnitt: Nelly Quettier - Musik: Tindersticks - Verleih: Warner - Besetzung: Vincent Gallo, Tricia Vessey, Béatrice Dalle, Alex Descas, Florence Loiret, Nicolas Duvauchelle, Raphaël Neal, José Garcia, Hélène Lapiower, Marilu Marini, Aurore Clément, Bakary Sangaré
Kinostart (D): 30.11.-0001

DVD-Starttermin (D): 30.11.-0001

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt0204700/