The Loneliest Planet

(D / USA 2011; Regie: Julia Loktev)

Dialog mit dem Fremden

Ein Ball fliegt, als käme er aus dem Nichts, über einen hohen Lattenzaun, an dem gerade die beiden jungen, amerikanischen Rucksacktouristen Alex (Gael García Bernal) und Nica (Hani Furstenberg) vorbeigehen. Ist es Absicht, Zufall oder ein Versehen? Jedenfalls wirft Alex den Ball zurück zu dem unsichtbaren Beweger jenseits der Zaungrenze; und daraus wiederum ergibt sich ein spielerisches Hin und Her mit dem Ball, eine Art geheimnisvoller Dialog mit einem Unbekannten beziehungsweise mit dem Fremden, das sich nicht zeigt, aber doch wirkt und seine reale Anwesenheit behauptet. Es sind solche fast absichtslos hingetupften Momente voller visueller Poesie und schwebender Bedeutungen, in denen Julia Loktev das nie ganz greifbare Sujet ihres beeindruckenden Films „The Loneliest Planet“ ahnungsvoll verdichtet. Die Spannung resultiert dabei aus dem Ungesagten einer prinzipiellen Offenheit, die sich in raum-zeitlichen Sprüngen und einer elliptischen Handlungsstruktur artikuliert.

Dazu kommt die Lust an der Bewegung, an Atmosphäre und Stimmung, die sich bald mit grandiosen Landschaftspanoramen verbindet. Alex und Nica unternehmen nämlich eine mehrtägige Trekkingtour durch den Kaukasus, auf der sie von dem georgischen Guide Dato (Bidzina Gujabidze) geführt werden. Ihre demonstrative, verspielte Verliebtheit, ihr unbeschwertes Glück und ihre verschworene Intimität scheinen immun gegen Irritationen und kontrastierende Gefühle, die sich fast unmerklich immer wieder einstellen, etwa wenn Dato makabre Witze erzählt, auf die geheimnisvolle Wirkung von Steinen und Kräutern aufmerksam macht oder mit Zaubertricks überrascht. Doch für Alex und Nica ist das Fremde allenfalls kurios; ihr Weg kennt noch kein Ziel; sie stecken fest in einer Liebeskapsel, die alles absorbiert, ohne es zu reflektieren. Ihr permanentes, strahlendes Lächeln schwebt immer ein wenig über den Dingen und scheint auch nicht ganz frei von einem Hauch kultureller Überheblichkeit.

Das alles wird sich von einem Augenblick auf den anderen unumkehrbar ändern. Es ist ein Moment der Bedrohung und der Todesangst, der das scheinbar so sichere Beziehungsgefüge tief erschüttert, ja eine schockierende Entzweiung sowie einen Verlust der Unschuld bewirkt. Die Realität der Welt bricht den Kokon der Liebesabschottung gewissermaßen auf und führt zu einem irreparablen Vertrauensbruch. Dabei handelt es sich „nur“ um einen Reflex, der jedoch etwas Elementares ausdrückt. Misstrauen und Distanz, Sprachlosigkeit und ein gestörtes Selbstbild begleiten die Protagonisten fortan auf ihrem Weg durch eine Landschaft, deren majestätische Größe sie förmlich zu verschlucken scheint. Immer wieder inszeniert Julia Loktev diese gewaltige Natur, in der sich die Figuren, zunehmend vereinzelt und entfremdet, zu verlieren scheinen. Ihr stimmungsvoller, visuell betörender Film handelt aber auch von den Fallstricken der Kommunikation, sprachlicher Differenz und damit verbundener Unkenntnis respektive Blindheit. Erst als Dato in gebrochenem Englisch seine erschütternde Lebensgeschichte erzählt, gewinnt das fremde Andere – zumindest für Nica – eine ebenso greifbare wie berührende Wirklichkeit.

Benotung des Films :

Wolfgang Nierlin
The Loneliest Planet
Deutschland / USA 2011 - 113 min.
Regie: Julia Loktev - Drehbuch: Tom Bissell, Julia Loktev - Produktion: Helge Albers, Marie-Therese Guirgis, Lars Knudsen, Jay Van Hoy - Kamera: Inti Briones - Schnitt: Michael Taylor - Verleih: Camino - FSK: ab 12 Jahre - Besetzung: Hani Furstenberg, Gael García Bernal, Bidzina Gujabidze
Kinostart (D): 03.01.2013

DVD-Starttermin (D): 24.05.2013

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1695405/