The Grand Budapest Hotel

(USA / D 2014; Regie: Wes Anderson)

Abwenden von der Realität

Wenn man sich Wes Anderson als Zeugen eines Verbrechens vorstellen müsste, so würde folgendes Bild passen: Anderson schließt die Augen, dreht sich schnell weg und denkt sich das Geschehen nach eigenen Regeln nochmal neu aus. Wenn wir nun wissen wollen, was sich zugetragen hat, so müssen wir dem verspielten Geschichtenerzähler in die Parallelwelt seines Kopfes folgen – und hoffen, in der schier unerschöpflichen Phantasie dieses Mannes nicht verloren zu gehen.

Allerdings kennen wir uns in den verschachtelten Gehirnwendungen bereits ganz gut aus. Auch Wes Andersons neuer Film „The Grand Budapest Hotel“ lebt von bunten Bastelkulissen, den geometrischen Spielereien, der minutiös getakteten Choreografie und von den Miniaturfiguren, letztere einzig und allein in seine Welt hineingesetzt, um zwischen rosa Blumentapeten ihre Neurosen und Macken zu züchten. Die Erzählung um das ehemals glamouröse Berghotel und seines legendären Concierges ist in der wiedererkennbaren Erzähl- und Bildästhetik gehalten, die sich bei Anderson im Laufe seiner Filme von einem Stil zum (etwas selbstverliebten) hermetischen Konstruktionsprinzip erhoben hat.

Am Anfang von „The Grand Budapest Hotel“ zieht eine Reihe von Rückblenden die Erzählung aus der Jetztzeit über die sozialistische Ostblocktristesse der 60er bis in die Zwischenkriegszeit der 30er Jahre. Das luxuriöse Hotel steht in seiner vollen Blüte, vor einer weißen Berglandschaft irgendwo in Osteuropa. Hier regiert der Concierge Gustave, ein kultivierter charmanter Mann mit Faible für romantische Lyrik, und weiht Lobby-Boy Zero, der sich jeden Morgen seinen dünnen Oberlippenbart mit einem schwarzen Stift nachzieht, in die Geheimnisse seines Berufsstandes ein. Als Gustaves adlige Geliebte Madame D. ermordet wird, gerät der Concierge als Erbe eines kostbaren Renaissancegemäldes unter Verdacht. Der Sohn der Toten hetzt ihm die Polizei auf den Hals. Es beginnt ein Verfolgungsspiel durch Hotelzimmer, Schlösser, Gefängniszellen und Zugabteile (mit dabei: Ralph Fiennes, Tilda Swinton, Edward Norton, Jude Law, Bill Murray, Willem Dafoe, Adrien Brody, Harvey Keitel, Matthieu Amalric, F. Murray Abraham).

Österreich-Ungarn, die Architektur des 19. Jahrhunderts, deutscher Expressionismus – das alte Europa scheint es Anderson angetan zu haben. Auch wenn das Land „Zubrowka“ ein imaginärer Ort und die „ZZ“ eine fiktive Schutzpolizei ist, so sind die historischen Parallelen leicht zu erkennen. Zum ersten Mal also prallen Andersons Spielzeuglandschaften auf die tragische Weltgeschichte. Es gibt Grenzkontrollen, Leichen und Ermordungen, die „Preußische Grippe“ wird grassieren und der Polizeiterror kündet vom Untergang der Zivilisation durch den Faschismus. Ein Balanceakt zwischen Ironie und historischer Bestürzung, den Anderson mit Bravour meistert. Die Erzählung durchweht trotz der bunten Farben und der witzigen Aufziehmännchen in Uniform eine Trübsinnigkeit, die sich langsam und schwer im Rücken der Zuschauer ausbreitet.

Obwohl die Anderson-Stilmittel langsam aber sicher Abnutzungseffekte zeigen und auch hier die absurde Komik, die man seit „Rushmore“ und „The Life Aquatic with Steve Zissou“ so schmerzlich vermisst, größtenteils ausbleibt, bekommt man als Zuschauer das Gefühl, dass Anderson mit „The Grand Budapest Hotel“ einen Schritt weitergeht. Vielleicht führt uns Wes Anderson mehr an der Nase herum, als wir dachten. Vielleicht sind seine Filme gar keine Marionettengeschichten, gezogen allein durch seinen Sinn für Stil, Komik und Herzschmerz gegen die Institutionen. Denn Anderson macht in seinem neuen Film noch deutlicher, worauf es ihm ankommt: Auf die Ernsthaftigkeit eines Gefühls. Im Falle von „The Grand Budapest Hotel“: Dass etwas schon in dem Moment vorbei war, als wir dachten, es sei noch lebendig gewesen.

Längst verlorene Zeiten also, die es – der Künstlichkeit seiner Nostalgie ist sich Anderson immer bewusst – nie gegeben hat. Der Vorwurf des Eskapismus und des blinden Vergnügens läuft bei diesem Film wie in keinem seiner Filme sonst ins Leere: Dafür sind Andersons Setzungen zu klug, seine Andeutungen zu reflektiert. Man muss das Grauen verstanden haben, um so darüber zu erzählen – auch wenn man es selbst nicht gesehen hat. Wes Anderson will dabei nichts aufdröseln und therapieren. Er hat ein diabolisches Vergnügen daran, Schicht um Schicht an Bildermasse aufzutürmen, um sich bewusst von der Realität abzuwenden. Wir drehen uns gerne mit ihm um.

Benotung des Films :

Ilija Matusko
The Grand Budapest Hotel
(The Grand Budapest Hotel)
USA / Deutschland 2014 - 100 min.
Regie: Wes Anderson - Drehbuch: Wes Anderson - Produktion: Wes Anderson, Jeremy Dawson, Steven M. Rales, Scott Rudin - Kamera: Robert D. Yeoman - Schnitt: Barney Pilling - Musik: Alexandre Desplat - Verleih: 20th Century Fox - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Saoirse Ronan, Edward Norton, Ralph Fiennes, Owen Wilson, Jude Law, Bill Murray, Willem Dafoe, Léa Seydoux, Tilda Swinton, Adrien Brody, Jeff Goldblum, Jason Schwartzman, Harvey Keitel, F. Murray Abraham, Tom Wilkinson
Kinostart (D): 06.03.2014

DVD-Starttermin (D): 05.09.2014

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt2278388/