Super 8

(USA 2011; Regie: J.J. Abrams)

Nostalgic Encounters

Regisseur und Produzent J.J. Abrams weiß, wie er Nostalgiker zu bedienen hat. Schon seine Neuinterpretation von „Star Trek“ (2009) versöhnte die anspruchsvollen alten Fans mit dem unbefangenen jungen Zielpublikum. Abrams nahm die bekannten Charaktere ernst und verknüpfte darüber hinaus Insider-Referenzen, Stakkato-Action und Pathos so geschickt miteinander, dass am Ende fast alle zufrieden waren. Der Star-Trek-Mythos blieb allen Anpassungen an den Massengeschmack zum Trotz intakt.

Mit seinem neuen Film „Super 8“ hat sich Abrams erneut einem Phänomen gewidmet, das besonders die Generation der über 30jährigen noch gut kennen dürfte: Es handelt sich dabei um das von Steven Spielberg geprägte amerikanische Blockbusterkino der 1980er Jahre. Orientiert am Rekorderfolg von „E.T.“ (1982) richteten sich auch Filme wie „Back to the Future“ (Robert Zemeckis, 1985), „The Goonies“ (Richard Donner, 1985) oder „Gremlins“ (Joe Dante, 1984) in erster Linie an Kinder und Jugendliche, boten gleichzeitig aber gekonnt kalkulierte Familienunterhaltung. In der Regel führte nicht der damalige Hit-Garant selbst Regie, sondern seine Freunde Joe Dante, Robert Zemeckis oder Ron Howard, oft unter dem Dach von Spielbergs Produktionsfirma Amblin Entertainment. All diese Filme präsentierten quer durch verschiedene Genres die Abenteuer junger bzw. jugendlicher Protagonisten, wobei beschädigte Familienverhältnisse oft den Hintergrund der Geschichten bildeten. Es ging also im Wesentlichen um die Rettung der Familie – wie in Spielbergs eigenen Filmen.

Nun hat J.J. Abrams unter dem Dach von Amblin Entertainment und mit Spielberg als Produzenten einen Film geschrieben und inszeniert, der ganz bewusst diese Tradition wieder aufleben lässt. Konsequenterweise spielt „Super 8“ im Jahr 1979, natürlich in einer amerikanischen Kleinstadt. Im Zentrum steht eine Gruppe von Kindern, die wie die meisten der damaligen Amblin-Protagonisten perfekt den Vorstellungswelten einer jungen, filmbegeisterten Zielgruppe angepasst wurden: Sie sind Kinofans, interessieren sich vor allem fürs Horrorgenre und begeben sich als Amateurfilmer in die Fußstapfen von George A. Romero. Für einen Wettbewerb wollen sie einen Zombiefilm drehen, wie damals üblich auf Super 8. Und sie geben sich alle Mühe, Schauwerte aufzubieten, die sich ohne Budget realisieren lassen. Dabei geraten sie in ein ungeahntes Abenteuer, als sie bei einem nächtlichen Dreh zu Zeugen eines Zugunglücks werden und eine offenbar gefährliche, lebendige Fracht aus den Trümmern entkommt.

Man begegnet in „Super 8“ vielen Protagonisten, die man ziemlich genau so schon mal gesehen hat. Da ist der junge Held, der einen schrecklichen Verlust zu beklagen hat, denn natürlich ist auch „Super 8“ in erster Linie ein Film über Familienverhältnisse. Dann gibt es noch den sich cool gebenden dicken Jungen, der Regie beim Zombiefilm führt. Und den Verrückten mit der Zahnspange, der für die Film-Explosionen zuständig ist und seine Aufgabe mit großer Leidenschaft erledigt – vor 25 Jahren hätte wohl Corey Feldman diese Rolle gespielt. Die anderen Jungs aus dem Freundeskreis sind schon nicht mehr ganz so relevant. Einer kriegt irgendwann die Sympathien des tollen Mädchens ab, und es ist ziemlich klar, welcher das sein wird.

Man kann nicht unbedingt behaupten, dass die Figuren über die Typologie hinaus wirkliche Tiefe entwickeln, doch „Super 8“ stellt diesen durchaus klischeehaften Freundeskreis mit einer außerordentlichen Freude am Detail vor und profitiert dabei von seiner großartigen Besetzung. Newcomer Joel Courtney kann in der Hauptrolle neben einer erfahrenen Jungschauspielerin wie Elle Fanning durchaus bestehen, weil die Chemie stimmt.

Abrams gewährt den Zuschauern nach einer – wie schon bei „Star Trek“ – nahezu perfekten Exposition ein langsames, im heutigen Genrekino längst anachronistisch wirkendes Erzähltempo. Umso wirkungsvoller ist die erste (und letztlich schon größte) Actionsequenz des Films, gerade weil die Inszenierung des Zugunfalls für kurze Zeit mit dem sonst so konsequenten Retro-Stil bricht und ein lautes, überwältigendes Effektspektakel bietet. Ansonsten stützt sich der Film vornehmlich auf die Dynamik zwischen seinen Figuren und die langsame Entblätterung des Geheimnisses. Die Genreerzählung bietet somit zwar nichts Neues, wird aber so geschickt vorangetrieben, dass sie äußerst gut unterhält – wenn man sich nicht von Trailern oder geschwätzigen Vorabbesprechungen die Überraschung verderben lässt.

Ab und an gibt es Szenen gemäß der Inszenierkonventionen des Horrorfilms, wenn beispielsweise Nebenfiguren der geheimnisvollen Bedrohung zum Opfer fallen. Auch hier folgt „Super 8“ einer Tradition, waren doch schon die Regisseure der oben genannten Filme, insbesondere Joe Dante, stark vom Horror- und Science-Fiction-Film der 1950er Jahre geprägt und ließen sich einige (oft ironisch gebrochene) Gewaltspitzen nicht nehmen. „Gremlins“ etwa bot Anlass für Zensurdebatten. Noch grausiger war der eigentlich grundalberne Film „Indiana Jones and the Temple of Doom“ (Steven Spielberg, 1984), der zur Einführung der PG-13-Altersfreigabe in den USA führte. Doch wie schon in „E.T.“ ist das unbekannte Wesen in „Super 8“ nicht unbedingt die größte Gefahr für Leib und Leben, denn da ist auch noch das Militär, das kurz nach dem Zugunglück in die verschlafene Ortschaft einfällt. Verglichen mit dem Militarismus vieler zeitgenössischer Science-Fiction-Blockbuster ist diese skeptische Haltung ein wieder sehr modern wirkender Aspekt.

Leider hat das Drehbuch im letzten Akt einige Schwächen: Da stimmt das Timing nicht mehr, da wird über einige Unklarheiten mal eben mit Tempo hinweginszeniert, und die Auflösung schließlich strotzt vor Pathos. Doch selbst die Macken des Films sind nicht uncharmant. Die extra Schöpfkelle Schmalz etwa scheint doch seit „E.T.“ (zumindest gelegentlich) zur Signatur Spielbergs geworden zu sein. Und wer die Originale lieb gewonnen, mit ihnen vielleicht sogar seine ersten Kinoerfahrungen gemacht hat, dürfte gnädiger über „Super 8“ urteilen, der doch als Film für Nostalgiker so vieles richtig macht.

Abrams beendet seinen anspielungsreichen Film mit einer Liebeserklärung an den Amateurfilm, einer humorvollen Verneigung vor den jungen Filmnerds dieser Welt. Doch die scheinen wie das Super-8-Filmmaterial aus einer unwiederbringlichen Epoche zu stammen und bieten dem heutigen Publikum nicht genügend Projektionsfläche: An den amerikanischen Kinokassen hatte „Super 8“ längst nicht den erhofften Erfolg. Aber die Alten freuen sich: Ausnahmsweise mal keine Marvel-Comicvorlage, keine Überlänge, keine 3D-Brillen. Mehr retro geht doch gar nicht!

Benotung des Films :

Louis Vazquez
Super 8
(Super 8)
USA 2011 - 112 min.
Regie: J.J. Abrams - Drehbuch: J.J. Abrams - Produktion: Bryan Burk, J.J. Abrams, Steven Spielberg - Kamera: Larry Fong - Schnitt: Mary Jo Markey - Musik: Michael Giacchino - Verleih: Paramount - FSK: ab 12 Jahre - Besetzung: Elle Fanning, Kyle Chandler, Joel Courtney, Gabriel Basso, Noah Emmerich, Ron Eldard, Riley Griffiths, Ryan Lee, Zach Mills, Amanda Michalka, Katie Lowes, Thomas F. Duffy, Marco Sanchez
Kinostart (D): 04.08.2011

DVD-Starttermin (D): 30.11.-0001

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1650062/