Sturm

(D / DK 2009; Regie: Hans-Christian Schmid)

Vom Justizproblemfilm zum Frauendrama

Absprachen im Strafprozess – ein eher dröges Thema. Gericht, Staatsanwalt und Verteidiger handeln ein bisschen Geständnis aus, lassen alles andere unter den Tisch fallen, in Windeseile ist das Urteil da, sechsstellige Beträge sind gespart, der Steuerzahler soll sich freuen. Wer kann daraus um Gottes Willen einen spannenden Film machen? Hans-Christian Schmid („Die wundersame Welt der Waschkraft“) macht daraus sogar einen Aufreger. Die (Hand-)Kamera geht auf die dokumentarische Tour dicht an die beiden Hauptpersonen heran. Die Staatsanwältin und die Belastungszeugin nehmen es persönlich, wie Gerechtigkeit und Sühne der Prozessökonomie Platz machen. Völlig real und mitnichten fiktiv muss das Kriegsverbrechertribunal in Den Haag – jawohl, darum geht’s hier – mit seinen Prozessen bis 2010 zu Potte kommen. Das besagt die UN-Direktive 1503. Also wird abgesprochen, dass der neue Anklagepunkt gegen den General der jugoslawischen Volksarmee fallen gelassen wird. Und das grade ist der Betrieb eines Vergewaltigungscamps in der heutigen Republika Srpka. Ein Opfer, die bosnische Zeugin Mira, war von Anklägerin Hannah zu einer Aussage überredet worden („Es hört nicht auf, solange Sie wegrennen“). Jetzt setzt Mira in Den Haag ihr Familienglück aufs Spiel, das sie in Berlin gefunden hatte. Und was passiert im Gerichtssaal? Ihr wird das Wort entzogen. Auch Staatsanwältin Hannah verliert den Glauben an die Justiz.

Was wir als Zuschauer dabei gewinnen, behaupte ich mal, ist der Glaube an die Schauspielerinnen Anamaria Marinca und Kerry Fox. In ihrem Spiel wird alles, was Klischee sein könnte, die reinste Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Die Kadrierung ein TV-Format? Nicht wenn die beiden drin sind. Die Dialoge („Ich weiß eigentlich gar nicht, wer du bist“) – blitzgescheit! In Den Haag trecken Nordseewellen an den Strand, okay. Emotionen wollen wallen? – Ihre Körpersprache nimmt sie zurück. Gut, schön, jaja, es mag an der Inszenierungskunst von Hans-Christian Schmid liegen. Chapeau!

Aus einem Justizproblemfilm ein Frauendrama machen und das in einer deutschen Filmproduktion (23/5) – ein starkes Stück. Aber ganz nebenbei ist „Sturm“ auch ein Promofilm für das International Criminal Tribunal for the Former Yougoslavia, das um seine Existenz bangt und jedes Jahr vor der UNO sein Budget erkämpfen muss. Justizpolitisch soll dem Gerichtshof von Bosnien-Herzegowina nach 2010 die volle Kompetenz eingeräumt werden. Das soll, und jetzt wieder zurück zur Filmdramaturgie, sowohl Vergewaltigungsopfer als auch den Zuschauer trösten. Vage die Aussicht. Wird bosnische Sonne das Verbrechen an den Tag bringen?

Dieser Text erschien zuerst in: Konkret 09/2009

Sturm
(Sturm)
Deutschland / Dänemark 2009 - 103 min.
Regie: Hans-Christian Schmid - Drehbuch: Bernd Lange, Hans-Christian Schmid - Produktion: Britta Knöller, Hans-Christian Schmid - Kamera: Bogumil Godfrejów - Schnitt: Hansjörg Weissbrich - Verleih: Piffl Medien - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Kerry Fox, Anamaria Marinca, Stephen Dillane, Rolf Lassgård, Alexander Fehling, Kresimir Mikic, Tarik Filipovic
Kinostart (D): 10.09.2009

DVD-Starttermin (D): 30.11.-0001

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt0768239/