Sto Spiti – At Home

(GR 2014; Regie: Athanasios Karanikolas)

Erst kommt der Reichtum, dann die Moral

Hoch oben über dem Meer, in einer modernen Villa am Hang, mit viel Glas und Beton, scheint das Leben leicht und unbeschwert, losgelöst von gesellschaftlichen Problemen. Ein atemberaubender Blick in die Ferne, die Sonne glitzert auf dem Wasser, die rauschenden Sträucher imitieren das Meer. Und doch lauert da unten eine existentielle Bedrohung, die langsam den Berg hinaufkriecht.

Der griechische Regisseur Athanasios Karanikolas erzählt in seinem Film „Sto spiti“ (Forumsbeitrag bei der diesjährigen Berlinale) von sozialen Zerreißproben in Zeiten des wirtschaftlichen Verfalls. Dabei will Karanikolas die Erosion des menschlichen Umgangs dort sichtbar machen, wo die Folgen der Wirtschaftskrise vermeintlich am wenigsten zu spüren sind: in der griechischen Oberschicht. Diese hat sich im Falle von „Sto spiti“ in eine Traumvorstellung von Sicherheit und Wohlstand zurückgezogen und lebt in einem modernen Kubus hoch über der Ägäis – weit weg vom städtischen Chaos. Doch der Wind will an dieser erhöhten Stelle einfach nicht zur Ruhe kommen.

Dass der Rückzug der Gutsituierten eher ein psychologischer ist, und Betonwände keine Sicherheit bieten, beweist die Verfassung des Hausherren (Alexandros Logothetis) selbst: Aufgrund von Sorgen rund um die willkürliche Entlassung eines Kollegen bekommt der gute Mann einen Hautausschlag, die Unsicherheit – ob nun berechtigt oder nicht spielt keine Rolle – kriecht also langsam an die Oberfläche. Dabei geht es der Familie ziemlich gut. Zwar muss die klavierspielende Tochter bald auf das eigene Pferd verzichten, doch von existentiellen Sorgen kann (noch) keine Rede sein. Wären da nicht die unerfreulichen Nöte der Anderen, der Angestellten Nadja (Maria Kallimani) zum Beispiel.

Nadja ist eine Frau mittleren Alters und arbeitet bei der wohlhabenden Familie als Haushälterin. Sie kauft ein, putzt, bereitet das Essen zu und kümmert sich um die Tochter. Zur ihr hat sie ein besonderes Verhältnis, vermutlich weil ihre eigene Tochter die Sonne in Griechenland gegen einen Studienplatz im verregneten Deutschland getauscht hat. Obwohl Nadja schon seit vielen Jahren bei der Familie wohnt und Familienkrisen begleitet hat, geht ihre Beziehung zur Familie nicht über ein Arbeitsverhältnis hinaus. „Wir sind wie Freunde, wie Schwestern“, sagt die Ehefrau (Marisha Triantafyllidou) im Film und verweist damit auf das Gegenteil. Nadja ist keine Freundin und kein Teil der Familie. Auch wenn es sich manchmal so anfühlt. Dass diese „Wir“-Beziehung verhandelbar ist, wird spätestens dann deutlich, als bei Nadja eine schwere Nervenkrankheit diagnostiziert wird. Nadja hat keine Krankenversicherung. Daher bleibt in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit aus Perspektive des Familienvaters nur die Entlassung. Zwar hat die Ehefrau damit kurzzeitig ein moralisches Problem, doch fügt sie sich schnell der Ratio ihres Mannes: Wir haben geholfen so gut es geht, jetzt müssen wir uns selbst helfen, bevor wir selbst noch …

Eingebettet ist diese Handlung in klare, ruhige Bilder, die sich in jeder Einstellung der Bedeutung von Räumen und ihrer machtkonstitutiven Wirkung bewusst sind. Fassaden, Wände, Eingänge – sie strukturieren die grundlegenden sozialen Verhältnisse – und bilden sie ab. Zu den klaren räumlichen Setzungen und Linien passt auch die beinahe starr wirkende Inszenierung, ein Verweis auf die begrenzten Möglichkeiten eines Menschen, innerhalb von Grenzen zu reagieren. Gleichzeitig hegen die Bilder den Verdacht, dass solche Grenzen zwar vorgegeben, aber von Menschen gemacht sind. Die Villa ragt mit ihrer wuchtigen Glasfront nicht zufällig ein Stück weit über den Hang hinaus.

Dem Film zu Grunde liegt die Erfahrung des Regisseurs, dass griechische Familien Hausangestellte ausbeuten und ihnen die Illusion geben, zur Familie zu gehören. Wie lange, entscheiden sie. Mit der ökonomischen Überlegenheit beanspruchen sie die ethische Deutungshoheit für sich. Genau damit hat Karanikolas ein Problem. Er thematisiert eine Zeit, in der Würde, Vergebung und Anstand ihren sozialen Nährboden verlieren und menschliche Tugenden umdekliniert werden. Vergebung wird zur Dummheit, nicht auf das eigene Recht zu bestehen. Anstand wird zu Naivität, die sich im Spiel um Ressourcen nicht auszahlt. Die heilsame Lösung: Er schafft in Nadja eine Figur, die sich diesem Spiel widersetzt. Die trotz der erfahrenen Ungerechtigkeit keinen Ausgleich einfordert, die nicht auf ihr Recht pocht. Und so ihre Würde behält. Die gewollte Tragik der Geschichte liegt dann darin, dass diese Erhabenheit leider niemand mitbekommt. Fast niemand. Denn der Zuschauer ist am Ende der einzige Zeuge der moralischen Reinheit der Figur, mit der man in der realen Welt wohl keine Chance mehr hat.

Man fragt sich dann am Ende aber doch, welche moralische Reinheit hier dramaturgisch destilliert wird, in welchen stilisierten Lebensbezügen hier Fragen des Miteinanders abgehandelt werden. Was wäre, wenn die Familie eben doch ein moralisches Problem mit der Entlassung hätte? Oder wenn die Angestellte doch in Erwägung zieht, auf ihr Recht zu pochen? Das wären die interessanteren Fragen. Fragen, die der Film erst gar nicht aufwirft, weil das Problem sonst zu komplex und eine einfache Lösung unmöglich wäre.

Wenn menschlicher Umgang und Fürsorge erodieren – durch welche gesellschaftlichen Entwicklungen auch immer – so gibt es in aller Regel zwei soziale Orte, an denen von diesen Krisen besonders plausibel erzählt werden kann: Ganz unten und ganz oben. So wie der Lehrsatz „Erst kommt das Fressen, dann die Moral“ schon in vielen Krisenszenarien den Rückfall der Bedürftigen in die Unmenschlichkeit erklären konnte, so ist uns dessen soziologisches Spiegelbild ebenso geläufig. Ganz oben geht es beim Ausbruch von Konflikten genauso animalisch zu. Dass zwischen Glasfassaden, Designermöbeln und Massivbetonwänden nur die kalte ökonomische Verfügungsgewalt über Menschen lauert, die sich um Mitmenschen nicht schert, scheint nicht nur wenig überraschend, sondern sogar einen entlastenden Zweck zu erfüllen. Man selbst hätte sich natürlich ganz anders verhalten. (Und als Nadja hätten wir natürlich genauso gehandelt.) Es ist eine alte bürgerliche Idee, sich der eigenen moralischen Überlegenheit gegenüber den Wohlhabenden zu vergewissern. Man hat’s ja schon immer geahnt: Reiche haben keine Moral.

Benotung des Films :

Ilija Matusko
Sto Spiti - At Home
(Sto spiti)
Griechenland 2014 - 103 min.
Regie: Athanasios Karanikolas - Drehbuch: Athanasios Karanikolas - Produktion: Argyris Papadimitropoulos, Lasse Scharpen, Lucas Schmidt - Kamera: Johannes Louis - Schnitt: Lorna Hoefler Steffen, Monika Weber - Verleih: Arsenal Institut - Besetzung: Zoi Asimaki, Nikos Georgakis, Ieronymos Kaletsanos, Maria Kallimani, Alexia Kaltsiki, Nefeli Kouri, Romanna Lobats, Alexandros Logothetis, Marisha Triantafyllidou, Yannis Tsortekis
Kinostart (D): 04.09.2014

DVD-Starttermin (D): 30.11.-0001

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt3500792/