Still the Water

(J / ES / F 2014; Regie: Naomi Kawase)

Von göttlicher Natur

Das Meer vor der kleinen subtropischen Insel Amami-Ōshima im Süden Japans ist rau und gefährlich. Hohe Wellen branden an ihre Küste. Ein Toter mit tätowiertem Rücken treibt im Wasser, dessen blaues Band die Horizonte markiert und den Himmel berührt. Den elementaren Kräften der Natur ausgesetzt, muss sich alles menschliche Wollen in Demut üben. „Wir sind nur ein kleiner Teil eines großen Kreislaufes“, sagt Naomi Kawase. Dieser Kreislauf ist für die renommierte japanische Filmemacherin „von göttlicher Natur“. Ihr Film „Still the water“ beginnt deshalb mit der minutiösen Schächtung einer Ziege. Eine Szene, die sich unter anderen Vorzeichen später wiederholt. Im Spiegel der Natur durchringen sich Leben und Tod unablässig.

Kyokos Mutter Isa (Miyuki Matsuda), eine Schamanin, ist todkrank und liegt im Sterben. Im Kreis ihrer Familie und mit Blick auf einen viele Hundert Jahre zählenden Baum erfährt sie Trost und Gelassenheit. Geborgen, fast glücklich erwartet sie, während ihr Angehörigen singen und tanzen, den „Herbstwind“, der sich schließlich zu einem Taifun auswachsen wird. Einmal fragt die 16-jährige Kyoko (Jun Yoshinaga), die den Sinn des Leidens nicht verstehen kann, ihren gleichaltrigen Freund Kaito (Nijiro Murakami): „Warum müssen Menschen geboren werden und sterben?“ Und antwortet sich selbst, als der schweigsame Junge, der unter der Trennung seiner Eltern leidet, keine Antwort weiß: „Es gibt keinen Grund.“ Ihre Mutter, Mittlerin zwischen Göttern und Menschen, hat für ihre Tochter aber einen Trost: Weil die Gedanken und Gefühle der Verstorbenen weitergegeben werden, sind die Leben über den Tod hinaus miteinander verbunden. Und dann sagt sie noch den rätselhaften Satz: „Die Götter sterben auch.“

In einem ganz ähnlichen, mehr innerweltlichen Sinn formuliert auch Kaitos Vater, der mittlerweile als Tätowierer in Tokio lebt und – als Pendant zur Natur verstanden – aus der flirrenden Metropole seine Energie bezieht, die Verbundenheit mit seinem Sohn. In ungewöhnlich offenen, ernsten und langen Gesprächen entfaltet Naomi Kawase in ihrem Film ein ganzes Universum von Zusammenhängen und Entsprechungen. Zugleich ist „Still the water“ ein visuell eindrucksvolles Filmpoem, in dem die Kräfte der Natur, der Kreislauf des Lebens und des Einsseins, das Miteinander der Menschen und die Magie der ersten Liebe einander durchdringen. Denn Kyoko, deren Element das Wasser ist, liebt Kaito, der zunächst das Meer ängstlich scheut. Behutsam und zurückhaltend erzählt Naomi Kawase eine Liebesgeschichte, die sich inmitten der Elemente und in den Tiefen der Natur schließlich erfüllt. Begleitet werden ihre jugendlichen Protagonisten dabei nicht zuletzt von einem weisen Alten.

Benotung des Films :

Wolfgang Nierlin
Still the Water
(Futatsume no mado)
Japan / Spanien / Frankreich 2014 - 119 min.
Regie: Naomi Kawase - Drehbuch: Naomi Kawase - Produktion: Takehiko Aoki, Naomi Kawase - Kamera: Yutaka Yamazaki - Schnitt: Tina Baz, Naomi Kawase - Musik: Hasiken - Verleih: Film Kino Text - FSK: ab 6 Jahren - Besetzung: Makiko Watanabe, Hideo Sakaki, Jun Murakami, Miyuki Matsuda, Tetta Sugimoto, Nijirô Murakami, Fujio Tokita, Jun Yoshinaga, Sadae Sakae, Kazurô Maeda, Mitsuaki Nakano, Yukiharu Kawabata, Yukiyo Maeda, Kinue Yasuda
Kinostart (D): 30.07.2015

DVD-Starttermin (D): 30.11.-0001

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt3230162/