Sommer der Liebe

(BRD 1992; Regie: Wenzel Storch)

Sex, Drugs ’n’ totaler Quatsch

Wenzel Storch ist einer der wenigen Filmemacher in Deutschland mit wirklich eigenem Touch. Keine Kompromisse, keine Schema-F-Dramaturgien, keine handelsüblichen Figurencharakterisierungen, keine feine Ausstattung, keine wirkliche Handlung, keine schöne Kameraführung, keine Kunsthandwerklichkeit, wie sie die Filmhochschulen und TV-Redaktionen lehren: kein gar nichts bietet er in seinen bisher drei Langfilmen, deren mittlerer, „Sommer der Liebe“ von 1992, jetzt als großartig edierte DVD herauskam. Storch bietet reinen assoziativen Spaß, in dem sich liebevoll Selbstgebasteltes mit wildem Storygestrüpp vereint, dargebracht von Laiendarstellern vor Billigkulissen. Wenn man die Erzählungen der Großelterngeneration von selbstgemachtem Spielzeug und selbsterfundenen Abenteuerspielen im Wald in Beziehung setzt zu heutigen digitalen Spielwelten, dann hat man ungefähr das Verhältnis eines Storch-Films zur sonstigen Kinogegenwart: reine Fantasie, reiner Spaß, reines Austoben, reiner Pubertärklamauk, reine Anarchie: Do it yourself-Kino – „der Drehort ist für mich wie ein Spielplatz. Nur ohne Eltern und Verbotsschilder“, sagt Storch selbst auf seiner Homepage.

Man sollte dabei nicht den Fehler machen, „Sommer der Liebe“ allein vor dem kleinen Fernsehbildschirm zu gucken. Denn das dämpft den Spaß. Der wird sich eher ergeben, wenn das Filmerlebnis sich in der Gemeinschaft der Zuschauer potenziert und man optimalerweise noch irgendwelche Substanzen zur Verstandesbenebelung und Bewusstseinsanregung eingenommen hat – falls überhaupt was helfen sollte, dann das. Denn: „Sommer der Liebe“ ist abgrundtief blöd. Ein schlecht gemachter, billiger, lahmer, langweiliger Streifen mit Darstellern, die besser zuhause geblieben wären, mit Dialogen, Sprüchen und Labereien, die nicht mal auf einer Retro-Trash-Ironieebene witzig sind, ohne filmischen Rhythmus, ohne Gespür für den Effekt. Die Pappkulissen passen zu den groben 8mm-Bildern und dazu, dass der Film stumm gedreht und danach einfach und desaströs schlecht nachsynchronisiert wurde, so dass kein Wort zur Mundbewegung passt. Und die Handlung, die Handlung! Oleander, der Klosterschreck, nistet sich bei zwei Nonnen ein, guckt mit ihnen Sexfilme, in der Ecke steht ein Wim Thoelke-Kumpel-Ofen, zu Weihnachten wird er mit Selbstgebackenem überschüttet. Dann gibt es eine Rock- und Popparty in einem Poster-Kloster, aufgebaut aus einer Menge Starschnitte diverser Sangeskünstler aus den 70ern. Irgendwann trifft Oleander eine glatzköpfige Eremitin, die ihm verfällt, wie es auch alle anderen jungen Frauen reihenweise tun. In einem Zaubersee lassen sich Oleander und seine Eremitin Haare wachsen und leben mit den anderen ihre Liebe – der Film spielt schließlich 1972, mitten im Hippie-Zeitgeist, mit Drogen, Lässigkeit, Lockerheit, duften Bienen und heißen Typen. Einmal hören sie einem als 'Neger' titulierten, schwarz angemalten Mitteleuropäer zu, wie er versucht, deutsche Volkslieder auf einer selbstgebauten Geige zu spielen. Einmal wird eine junge Anhalterin von einem Triebtäter gejagt, vergewaltigt, zerstückelt und verwurstet. Oleander übrigens ist dick, hat keine Haare, und er sächselt. Am Ende stirbt er und wird in einem Römertopf beerdigt, dazu müssen ihm die langhaarigen Hippie-Totengräber die Füße absägen. Schließlich gibt es noch Kaffeekranz bei älteren Damen.

Aber das Interessante ist: Gerade weil es in diesem Film alle Gründe gibt, ihn nicht gut zu finden, kann man ihn gut finden. Denn natürlich ist das alles Absicht, dieser gesamte Dilettantismus, das Inkaufnehmen von Mängeln aller Art. Qualität ist hier nicht verloren gegangen, sondern wurde bewusst weggeschleudert, um unbelastet vom Diktat des Guten, Wahren, Schönen einfach mal was zu machen. Richtig kokett ist dieser Film, der seine abgrundtiefe Schlechtigkeit offen vor sich her trägt, der in jedem seiner irrwitzigen Bilder eine Anklage ist gegen das handwerklich gut Gemachte, das aber oft genug steril und künstlich scheint. Kokett ist auch Wenzel Storch, wenn er im Bonusmaterial der DVD und auf seiner Homepage genüsslich diverse Verrisse zitiert. Verrisse, die natürlich alle recht haben: „Schwachsinn“, „ein jämmerlicher Film […], der einem den Feierabend vergällt“, „selbst in benebeltem Zustand verdammt schwer zu ertragen“, etc.

Und auch die Frauen/Lesbengruppe „Die wilden Spulen II“ haben recht: „ein schlechter, pubertärer, sexistischer, brutaler, rassistischer und dummer Film“, nannten sie den „Sommer der Liebe“. Und entführten aus einem Göttinger Kino eine der 16mm-Filmrollen mit der Forderung, den Film nie wieder aufzuführen. Eine überzogene, absurde Aktion gegen einen absurden, überzogenen Film, der sich weigert, verstanden zu werden. Diesen Film zu hassen bedeutet freilich im Umkehrschluss, das Handelsübliche, das Konventionelle zu lieben…

Wesentlich vereinfacht wird die Goutierung des miesen Hippietrips – der gerade dadurch zur unbedingt empfehlenswerten Filmerfahrung wird – durch das Bonusmaterial der DVD, speziell durch die zweiteilige Making-of-Dokumentation von insgesamt 100 Minuten. Dadurch erst erhellt sich der Film, das, was er ursprünglich sein sollte im Gegensatz zu dem, was er nun ist, die Quellen, aus denen er sich speist, die Ideen, die dahinterstecken und sich oft genug eher weniger als mehr im fertigen „Sommer der Liebe“ zeigen.

Ausgangspunkt ist ein alter Bauernhof in einem Kaff bei Hildesheim, wo Storch und seine Gefährtin Alexandra Schwarzt (die natürlich auch im Film mitspielt), bei einem (gelinde gesagt) exzentrischen Vermieter leben. Dort wurden die Innenaufnahmen von „Sommer der Liebe“ gedreht, und in diesem Dörfchen haben die Storchs im Sperrmüll gestochert, um alles, was irgendwie nach Seventies aussieht, zu sammeln. Ja: „Sommer der Liebe“ ist aus Müll gemacht, das sieht man ihm an, und das ist auch inhaltlich so. Denn aus den beiden Dokus „Rickeracke Hippiekacke“ und „Sitzfußball und Gruppensex“ erschließen sich die Ursprünge, die in Teenie-Pop-Heftchen liegen, in billigen Sexmagazinen wie „Praline“ und „Wochenend“, in Werbeanzeigen, Interviews, Texten in vorgeblicher Jugendsprache; daraus konstruiert Storch diesen Sound des Gestelzten, des Pseudocoolen, des erzwungen Lockeren, der doofen Sprüche und billigen Kalauer: der erbärmlichste ist wohl, wenn Oleander Frühstückseier vorgesetzt werden: „Eichen sollst du weichen, Kuchen sollst du suchen.“ Oh Mann!

Ganze Episoden, vollständige Backstories seiner Figuren hat Storch aus diversen Berichten aus diversen mehr oder minder schlecht beleumundeten Magazinen entnommen, um sie dann in Trickfilmform umzusetzen: als Zeichentrick in Schiebetechnik oder als Puppentrick. Die Story mit der Anhalterin und dem Triebtäter wollte er in der Form von „Aktenzeichen XY ungelöst“ bringen, wo immer vor den Gefahren, die in fremden Autos lauern, gewarnt wird. Dass das Opfer dann zu Popwurst verarbeitet wird, einem grünen Gebilde, das aus einer Bude verkauft wird, ist die konsequente Steigerung.

Im Übrigen wird in den Making ofs die Geschichte des Films noch einmal nacherzählt, viel verständlicher als in „Sommer der Liebe“ selbst; angereichert mit geschnittenen Szenen, die nie fertig wurden, mit Ideenfragmenten, die keinen Eingang in den endgültigen Film erhielten, mit Interviews mit damals Beteiligten, die in einer Mischung aus nostalgischer Wehmut und schmerzhaften Erinnerungen auf die Strapazen des Drehs zurückschauen, auf eine Zeit, als sie jung und für jeden Spaß zu haben waren. Im Wissen, dass sie jetzt nur noch für jeden Spaß zu haben sind… Denn natürlich sind die Dokus selbst wieder kleine Wenzel-Storch-Stücke, in denen nichts ernst genommen wird, schon gar nicht ihr Gegenstand, der „Sommer der Liebe“, selbst.

Die Rückschau in den Making ofs 20 Jahre zurück auf den Dreh eines Films, der wiederum 20 Jahre früher spielt, ist eine Art doppelte Nostalgie, die doppelt ironisch gebrochen wird. Wo „Sommer der Liebe“ all den Pop-Müll aus den 70ern recyclet und sich affirmativ daran delektiert, da wird dieser Film in seinen Sekundärdokus plötzlich auch auf spielerische Weise in den Stand von Qualitätsware erhoben. Und vielleicht ist „Sommer der Liebe“ tatsächlich ein richtig guter Film, abgesehen davon, dass er schlecht ist. Vielleicht ist er irgendwo eine Reflexion über das Phänomen kultischer Verehrung des Vergangenen, das nur funktioniert im Bewusstsein, dass das Vergangene in all seinem Schwachsinn, in seinem Quatsch und in seiner Albernheit nie mehr wiederkehrt. Nur in einem Film, der diese Vergangenheit der 70er ganz neu schwachsinnig, quatschig und albern aufbereitet.
Vielleicht ist „Sommer der Liebe“ aber auch ganz einfach und straight doof. Aber das mit Charme.

Die Doppel-DVD im Digipack ist ausschließlich auf der Homepage des Verleihs Cinema Surreal Link erhältlich.

Benotung des Films :

Harald Mühlbeyer
Sommer der Liebe
(Sommer der Liebe)
Deutschland 1992 - 84 min.
Regie: Wenzel Storch - Drehbuch: Wenzel Storch - Produktion: Wenzel Storch - Kamera: Wenzel Storch - Schnitt: Wenzel Storch - Musik: Diet Schütte, Iko Schütte - Verleih: Cinema Surreal - Besetzung: Jürgen Höhne (Oleander), Alexandra Schwarzt (Jasmin), Fritzi Korr (Fritzi, die Popwurst), Iko Schütte, Holger Müller, Hans Paetsch (Erzähler)
Kinostart (D): 28.10.1993

DVD-Starttermin (D): 24.01.2011

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt0404445/
Link zum Verleih: http://www.cinemasurreal.com/film5_kaufen.php