Snowman’s Land

(D 2010; Regie: Tomasz Thomson )

American Coolness

Schwarzer Humor im weißen Schnee: Walter, Profikiller, verschlägt es nach einem missglückten Auftrag irgendwohin in den Osten, in 2340 Kilometern Entfernung ist er in ein gewaltiges Herrenhaus geladen inmitten des Nichts, umgeben von Wald und Schnee. Hier residiert Berger, der mythische Gangsterboss, der seit Jahren als tot gilt, der hier, am Arsch der Welt, sein Refugium gefunden hat. Unterwegs trifft Walter auf Micky, einen Kollegen mit demselben Ziel, reichlich durchgeknallt und nicht gerade mit Glück gesegnet bei seinen oftmals sehr spontan durchgeführten Aktionen. Berger ist nicht da, dafür Sibylle, dessen junge Freundin, Drogenköchin, Discoqueen, gelangweilte Schnepfe. Irgendwann ist sie tot, Berger taucht auf, Walter und Micky müssen überzeugend darlegen, dass sie mit Sybilles Tod nichts zu tun haben; vielleicht, so suggerieren sie, waren es ja die Hinterwäldler, die ganzen kleinkriminellen Kanaken, die in den Wäldern hausen, Schemen und Phantome, denen der Großgangster Berger gar nichts abgewinnen kann…

Tomasz Thomson, in Kattowitz geboren, in Deutschland aufgewachsen, hat in Lodz Film gelernt, und mit seinem zweiten Spielfilm ein Stück Genre in die deutsche Kinematographie gebracht. Allein das ist schon ehrenwert: dass einer einen Gangsterfilm macht, einfach so, dass er jahrelang für die Finanzierung kämpft, dass er sein Projekt durchzieht; und dass er den Gangsterfilm auf makabre, lakonische, schwarzhumorige Weise erzählt, in Tönen also, die das deutsche Kino, auch das deutsche Fernsehen normalerweise nicht kennt und nicht kennen will. Für seinen Film hat er keine Stars besetzt – das hätte vielleicht Einiges leichter gemacht, hier ein Jürgen Vogel, dort ein Sky DuMont, und Udo Kier ist auch für alles zu haben. Doch Thomson nimmt unbekannte Gesichter, die sich mit aufreizendem Dead Pan durch den Plot treiben lassen. Jürgen Rißmann als Walter ist ein abgerissener Altprofi mit zu langen Haaren, der nicht so richtig was mit sich selbst anzufangen weiß. Thomas Wodianka als Micky ist gerade genug dem Borderline-Wahnsinn verfallen, um allerhand Durcheinander anzurichten, und lange genug im Geschäft, um zu versuchen, alles wieder ins Reine zu bringen. Reiner Schöne als Berger spielt im Bewusstsein seines internationalen Status als deutscher Hollywoodianer, der mit Lee van Cleef und Clint Eastwood in den 70ern vor der Kamera stand, in allerhand trashigen Serien – von „MacGyver“ bis „Matlock“ – spielte und inzwischen auch auf dem Traumschiff und im Rosamunde-Pilcher-Land auftauchte: Berger ist der mythische Gangster, der sich im selbstgeschaffenen Eispalast eingeschlossen hat und neue Träume von alter, unangefochtener Macht verfolgt.

Thomson kopiert für seine Inszenierung amerikanische Vorbilder; wie ja auch seine Figuren in ihrer lakonischen Geworfenheit, in ihrer eindimensionalen Funktionalität sich an der american coolness orientieren. Sprich: am frühen Tarantino, an den Coen-Brüdern. Von Tarantino übernimmt Thomson die nivellierende Redeweise, in der sich Großes und Alltägliches mischen, in der das Töten und der Tod gleichwertig sind mit der Faszination von Schusswaffen, mit Drogen, mit Urlaub, Tanzvergnügen und Sex. Von den Coens kommt die Fatalität des Schicksals, wie das eigene Los vom richtigen oder falschen Verhalten anderer abhängt, wenn die Hauptfigur, die nur in Anführungszeichen ein „Held“ ist, den Deppen und ihren undurchdachten Aktionen ausgeliefert ist. Und natürlich spielt der „Shining“-Hotelkomplex mit rein, aus „Leichen pflastern seinen Weg“ grüßen die Banditen des Schneewalds.

„Snowman’s Land“ ist eine Kopie, ein Versuch, amerikanische Coolness in den deutschen Film zu bringen; und ist als Kopie zwangsläufig schlechter als die Vorbilder. Mitunter gibt es Stolperer in der filmischen Montage, manches wirkt etwas forciert, anderes etwas zu eindimensional; aber dann gibt es eben doch immer wieder originelle Gags, unerwartete Plottwists, überraschende Bilder: Thompson versteht sein Filmgeschäft, und vielleicht wird er in seinem nächsten Projekt tatsächlich zu einem eigenen Sprache finden. Aber immerhin: Dass einer sich überhaupt an einen solchen Stoff wagt, mit minimalem Budget: das zeugt von einem Eigensinn des Filmemachers, den man im deutschen Kino gern öfter sehen würde.

Benotung des Films :

Harald Mühlbeyer
Snowman's Land
(Snowman's Land)
Deutschland 2010 - 95 min.
Regie: Tomasz Thomson - Drehbuch: Tomasz Thomson - Produktion: Boris Michalski - Kamera: Ralf M. Mendle - Schnitt: Tomasz Thomson - Musik: Luke Lalonde - Verleih: Zorro Medien - Besetzung: Jürgen Rißmann, Thomas Wodianka, Reiner Schöne, Eva-Katrin Hermann, Walera Kanischtscheff, Detlef Bothe, Piet Fuchs, Kerstin Thielemann
Kinostart (D): 30.09.2010

DVD-Starttermin (D): 04.03.2011

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1522296/