Shoah durch Erschießen: Einsatz in der Ukraine

(F 2008; Regie: Romain Icard)

Gräber, die sich bewegen

1941 – nachdem Hitler die Vernichtung des Bolschewismus zum Hauptziel des Nationalsozialismus erklärt hatte und die Wehrmacht im so genannten „Unternehmen Barbarossa“ 1941 die Sowjetunion überfallen und in nur zwei Wochen die Ukraine eingenommen hatte, nahmen die gefürchteten „Einsatzgruppen“, mobile Sondereinheiten der SS, ihre Arbeit auf. Ihr Ziel: die schnellstmögliche und systematische Ausrottung der ukrainisch-jüdischen Bevölkerung; und damit die Ermordung von Hunderttausenden zusammengetriebener Frauen, Männer und Kinder. Gaskammern wurden dafür eigens gar nicht erst gebaut. Vor den Städten und Ortschaften, gerade so außer Sichtweite, wurden die zusammengetriebenen Juden dazu gezwungen, ihre eigenen Gräber auszuheben um anschließend direkt exekutiert zu werden. Da nicht alle Opfer sofort tot waren, begannen die Gräber sich zu bewegen, wie ein Augenzeuge im Film berichtet. Blut floss in Strömen aus ihnen heraus, bis hinein in den nächsten Fluss.

Der französische Pater Patrick Desbois, der in diesem Film von Filmemacher Romain Icard begleitet wird, spricht mit den noch lebenden Zeugen des Genozids, die zumeist, so grotesk das anmutet, noch nie zu diesen Ereignissen befragt worden waren, die sie als Kinder erlebt und aus nächster Nähe mitverfolgt hatten. Meist war es die kindliche Neugier gewesen, die sie zu den Orten des Schreckens geführt hatte, oftmals wurden sie auch von der SS dazu gezwungen, die Gräber voller Leichen zuzuschütten. Es ist ein verdrängtes und nie gelüftetes Kapitel des Holocaust, das Desbois in jahrelanger Kleinstarbeit aufdeckte, und der Film von Romain Icard dokumentiert die Suche nach der Wahrheit, den Tatorten, den Gräbern.

Die Dokumentation ist eine Montage mehrerer Reisen Desbois‘ in die Ukraine, führt anhand von Archivmaterial in den zeithistorischen Horizont ein und montiert immer wieder die oftmals erschütternden, oftmals verblüffend nüchtern ablaufenden Interviews mit den Zeitzeugen. Da gibt es lange Autofahrten durch Landschaften, die mit ihrer ruralen und dörflichen Idylle in starkem Kontrast zu den Ereignissen stehen, die sie verbergen. Einmal widmet sich der Film auch dezidiert der Ausgrabung eines solchen Massengrabs. Hier sieht man eine lange Grube voller unzähliger ineinander verkeilter Skelette, die von den Helfern und einem Archäologen des Teams ausgegraben werden. Darüber befand sich jahrzehntelang eine grüne Wiese am Fluss, die in ihrer idyllischen Lage, wie als Zeitkapsel, niemals an ihr schreckliches Erbe als Schauplatz der Gräuel hätte denken lassen.

Die TV-Dokumentation ist mit ihren knapp 90 Minuten beinahe ein wenig kurz ausgefallen; gerne hätte man noch mehr über die Arbeit des Teams erfahren, sowie den Erinnerungen der Zeitzeugen gelauscht. Der äußerst sehenswerte Film, der auch formal einer Suche gleicht (auch nach „der Wahrheit“, die immer eine vielgestaltige ist), die an keinem Ziel ankommen kann, huldigt seiner Hauptfigur Patrick Desbois, die mitunter etwas Heldenhaftes bekommt, manchmal etwas zu sehr. Der Film liegt im O-Ton und in Originalfassung vor, also 4:3 Fernsehratio, und ist mit deutschen Untertiteln versehen. Weitere Bonusfeatures sind auf der doch spärlich ausgestatteten DVD bedauerlicherweise nicht vorhanden.

Benotung des Films :

Michael Schleeh
Shoah durch Erschießen: Einsatz in der Ukraine
(Shoah par balles: l'histoire oubliée)
Frankreich 2008 - 85 min.
Regie: Romain Icard - Produktion: Romain Icard - Kamera: Romain Icard - Schnitt: Sylvain Oizan-chapon - Verleih: absolut MEDIEN - Besetzung:
Kinostart (D): 30.11.-0001

DVD-Starttermin (D): 28.02.2014

Link zum Verleih: http://www.absolutmedien.de/main.php?view=film&id=1557