Señor Kaplan

(UY 2014; Regie: Álvaro Brechner)

Auf dem Sprungbrett des Lebens

Jacob Kaplan (Héctor Noguera) blickt auf sein Leben zurück und zieht Bilanz. Der 76-jährige Rentner aus Montevideo, der als polnischer Jude einst vor den Nazis nach Uruguay fliehen musste, ist seit fünfzig Jahren verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne. „Schau niemals zurück“, sagte man ihm bei seiner Bar-Mizwa im Jahre 1937. Doch jetzt fragt sich der lebensmüde Alte mit eigensinnigem Ernst nach dem Nutzen seiner Existenz: „Was habe ich in meinem Leben Denkwürdiges getan?“ Während Jacob in der Einleitung von Álvaro Brechners zweiten, mit trockenem Humor aufwartenden Langfilms „Señor Kaplan“ aus dem Off spricht und diverse Rückblenden diese Lebensbilanz verdichten, steht er als Held von trauriger Gestalt auf dem Sprungbrett eines Swimmingpools. Jacob kann zwar nicht schwimmen, erklärt aber: „Es ist der Instinkt zum Überleben, der einen zum Schwimmen zwingt.“

Einer der täglich schwimmen geht, ist der ein paar Jahre ältere Deutsche Julius Reich (Rolf Becker), der am Strand eine Bar namens „Estrella“ betreibt und Camus liest. Nach einem Fernsehbericht über Nationalsozialisten, die nach dem Krieg in Südamerika untergetaucht sind, ist Jacob überzeugt, in dem Deutschen einen von ihnen entdeckt zu haben. Und so plant er nach dem Vorbild des berühmten Nazijägers Simon Wiesenthal die Gefangennahme und Entführung Reichs als „geheime Operation“. Unterstützt wird er bei seinen dilettantischen Ermittlungen, die von vorschnellen Annahmen, falschen Hypothesen und wirren Träumen geleitet werden, vom ehemaligen Polizisten Wilson Contreras (Néstor Guzzini). Der verstoßene Familienvater und Trinker erscheint zwar zunächst schwerfällig, erweist sich aber bald als sensibel und clever.

Die Stärken von Álvaro Brechners ebenso nachdenklicher wie melancholischer Komödie über den Sinn des Lebens liegen allerdings weniger in der zwar sympathisch-vergnüglichen, aber nur mäßig originellen Agentenfilmparodie. Vielmehr gewinnt er sein tragikomisches Potenzial aus der subtilen Zeichnung von Menschen, die versehrt und traurig in ihren Lebensgeschichten gefangen zu sein scheinen, dann aber doch den Mut aufbringen, zu „springen“. Der einmal geäußerte Satz, man könne seiner Vergangenheit nicht entkommen, bedeutet in der Perspektive von Brechners warmherzigem, vorsichtig optimistischem Film insofern, seinem „Schicksal“ mit Milde, Verantwortung und dem Mut zur Tat zu begegnen.

Benotung des Films :

Wolfgang Nierlin
Señor Kaplan
(Mr. Kaplan)
Uruguay 2014 - 98 min.
Regie: Álvaro Brechner - Drehbuch: Álvaro Brechner - Produktion: Álvaro Brechner, Cecilia Mato, Verona Meier, Gerhard Meixner, Simon Ofenloch, Roman Paul, Mariana Secco - Kamera: Alvaro Gutiérrez - Schnitt: Nacho Ruiz Capillas - Musik: Mikel Salas - Verleih: Neue Visionen - FSK: ohne Altersbeschränkung - Besetzung: Héctor Noguera, Néstor Guzzini, Rolf Becker, Nidia Telles, Nuria Fló, Leonor Svarcas, Gustavo Saffores, Hugo Piccinini, Cesar Jourdan, Jorge Bolani, Augusto Mazzarelli, Adela Dubrá, Roberto Suárez, Anouk Ogueta, Gabriel Kaplan
Kinostart (D): 16.07.2015

DVD-Starttermin (D): 22.01.2016

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt2642524/