Senna

(GB / F 2010; Regie: Asif Kapadia)

Leidenschaft, Genialität und Gottvertrauen

Dieser Dokumentarfilm ist spannend wie ein Spielfilm. Die große Nähe zwischen der Wirklichkeit und ihren Abbildern, in einer Produktionszeit von sechs Jahren minutiös destilliert aus einer überwältigenden Fülle von Archivbildern sowie Originaltönen und zu einem dichten Erzählfluss montiert, machen aus Asif Kapadias Film „Senna“ ein Drama und ein Biopic, ein sportpolitisches Lehrstück und eine emotional bewegende Tragödie. Das Leben und die sportliche Karriere des legendären brasilianischen Formel-1-Rennfahrers Ayrton Senna da Silva erzählen viele Geschichten. Sie handeln von Erfolg und Niederlage, Leidenschaft und Rivalität, Glaube und Tod. Daneben spiegelt sich in Sennas Rennfahrer-Biographie aber auch ein sportlicher Paradigmenwechsel, verursacht durch technische Innovationen, die die Kunst des Autofahrens marginalisieren und den charismatischen Fahrer zu einem der Letzten einer aussterbenden Gattung machen.

Die Begeisterung für den „echten Rennsport“ und „das pure Fahren“ ist es dann auch, was den 1960 in São Paulo geborenen hochtalentierten Fahrer antreiben. Seine unglaubliche Schnelligkeit und ein Fahrstil, der bis an die Grenzen des Erlaubten das Konstruktionspotential des jeweiligen Autos ausreizt, werden zu seinen Markenzeichen. Daneben zeichnet sich Senna aus durch seinen unbedingten Willen zum sportlichen Wettstreit, seinen Erfahrungshunger und eine ehrgeizige Wissbegier. Trotzdem bleibt der geniale Fahrer mit der sympathischen Ausstrahlung, dessen einnehmendes Wesen berührt, stets bescheiden. Dahinter wiederum stehen ein unerschütterliches Gottvertrauen und eine sensible Nachdenklichkeit. Immer wieder beschreibt Ayrton Senna, von Fans „The Magic“ genannt, das Fahren als eine Art mystisches Erlebnis, das den Rausch der Geschwindigkeit mit einer starken Gotteserfahrung verbindet.

Aus dem chronologischen Nachvollzug von Sennas Aufstieg vom Go-Kart-Fahrer zum dreimaligen Formel-1-Weltmeister entwickelt der britische Regisseur Asif Kapadia mehrere dramatische Konfliktstoffe. Neben Sennas „politischen Kämpfen“ mit dem ebenso parteiischen wie selbstherrlichen FIA-Präsidenten Jean-Marie Balestre ist es vor allem die sich auch menschlich zuspitzende Rivalität zu seinem McLaren-Teamkollegen Alain Prost, der seine Weltmeistertitel einem überlegenen, pragmatischen Fahrstil verdankt. Der Realitätssinn des als „Professor“ titulierten Franzosen und der leidenschaftliche Wagemut des visionären Brasilianers treffen hier aufeinander und kulminieren immer wieder in schicksalhaften Duellen.

Die einschneidendste Herausforderung bilden allerdings die technischen Neuerungen im Autosport am Beginn der 1990er Jahre, die Senna als „elektronischen Krieg“ bezeichnet, der sich gegen die Fahrer richte. Als Nachfolger von Prost bei Williams spürt Senna diesen Kontrollverlust von Anfang an, doch trotz seiner Zweifel am sportlichen Sinn, kann er sich seiner Fahrleidenschaft nicht entziehen. Nervös, nachdenklich und traurig wirkt er vor seinem letzten Rennen beim Großen Preis von San Marino am 1. Mai 1994 in Imola, wo bereits die Tage zuvor von schweren Unfällen überschattet sind. So weist Sennas tragischer Tod an diesem Sonntag schließlich auch über sein persönliches Schicksal hinaus auf eine historische Wendemarke im Rennsport.

Benotung des Films :

Wolfgang Nierlin
Senna
(Senna)
Großbritannien / Frankreich 2010 - 104 min.
Regie: Asif Kapadia - Drehbuch: Manish Pandey - Produktion: Tim Bevan, Eric Fellner, James Gay-Rees - Kamera: Jake Polonsky - Schnitt: Chris King, Gregers Sall - Verleih: Universal - FSK: ab 6 Jahre - Besetzung: (Mitwirkende) Alain Prost, Frank Williams, Ron Dennis, Viviane Senna, Milton da Silva, Neide Senna, Jackie Stewart, Sid Watkins, Galvão Bueno, Reginaldo Leme
Kinostart (D): 12.05.2011

DVD-Starttermin (D): 30.11.-0001

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1424432/