Samsara

(USA 2011; Regie: Ron Fricke)

Existentieller Schauder

Für Godfrey Reggios zivilisationskritischen Kultfilm „Koyaanisquatsi“ war Ron Fricke einst als Bildgestalter verantwortlich. Sein eigener, aktueller Dokumentarfilm „Samsara“, ein assoziativ komponiertes Werk aus Bildern und Tönen, knüpft thematisch und ästhetisch gewissermaßen daran an. Dabei handelt es sich – wie schon beim Vorgänger „Baraka“ – um eine Produktion der Superlative: Über vier Jahre lang wurde in 25 Ländern an fast hundert Schauplätzen gedreht, und zwar mit hochauflösenden 70-mm-Kameras, deren analoges Material für die Kinoauswertung mit einer 4K-Auflösung digitalisiert wurde. Das Ergebnis sind gestochen scharfe Breitwand-Bilder in brillanten Farben, die durch ihre Dichte und Tiefe ein eindringliches visuelles Erlebnis vermitteln. Doch „Samsara“ ist kein Wohlfühlkino über die Wunder dieser Erde, vielmehr bleibt trotz aller überwältigenden Schönheit immer auch ein Schrecken, ein existentieller Schauder spürbar.

Ron Frickes Film „Samsara“, dessen Titel im Sanskrit auf den beständigen Wandel im Kreislauf des Lebens verweist, bewegt sich inhaltlich zwischen den Polen Geburt und Tod, Werden und Vergehen. In atemberaubenden Zeitraffer-Aufnahmen wandern Licht und Schatten über Wüstenlandschaften und brodelnde Vulkane sowie über die schrecklich faszinierenden Formationen von Verkehrsströmen und Menschenmassen. Dabei entstehen fast irreale Bilder zwischen Natur und Kultur, hypermoderner Architektur und archaischem Leben, etwa im Kontrast zwischen einem afrikanischen Dorf und einer Megacity oder auch in der Gegenüberstellung des vom Hurrikan Katrina zerstörten New Orleans und der zerbrechlichen Schönheit des Schlosses von Versailles als Zeichen von Größe und Macht. Immer wieder spricht der Film in Gegensätzen, kontrastiert das Monumentale mit dem Alltäglichen und findet dabei auch zu dramatischen Momenten.

Wie das unglaublich große Heer von Pilgern, die dichtgedrängt um die Kaaba von Mekka wirbeln, als handle es sich um das Auge eines Sturms, strukturieren oft Kreisbewegungen die Bilder. Die zyklische Wiederholung und die rotierende Vervielfachung als Prinzipien des Lebens bestimmen Produktions- und Verwertungsprozesse, in denen ganze Armeen von Arbeitern wie emsige Ameisen kleinteilige Handgriffe an der Schnittstelle von Mensch und Maschine vollführen. Dabei entstehen mechanische Ballette, die auf erschreckende Weise den Weg des Fleisches und der Maschinen als permanenten Kreislauf von Schöpfung und Zerstörung beschreiben. Noch in dem beschwerlichen Tun der Müllsammler, die die Abfallberge eins rücksichtlosen zivilisatorischen Raubbaus durchforsten, ist dieser transformatorische Funke präsent. Wenn die buddhistischen Mönche, die zu Beginn in minutiöser Kleinarbeit ein großartiges Lebensrad-Sandbild gestalten, dieses am Ende wieder auslöschen, ist das nicht nur eine Geste, die alles Menschenwerk als vergänglich ausweist, sondern die zugleich auf einen möglichen Neubeginn zeigt.

Benotung des Films :

Wolfgang Nierlin
Samsara
USA 2011 - 102 min.
Regie: Ron Fricke - Drehbuch: Ron Fricke, Mark Magidson - Produktion: Mark Magidson - Kamera: Ron Fricke - Schnitt: Ron Fricke , Mark Magidson - Musik: Marcello De Francisci, Lisa Gerrard, Michael Stearns - Verleih: Central / Busch Media Group - FSK: ohne Altersbeschränkung - Besetzung:
Kinostart (D): 23.08.2012

DVD-Starttermin (D): 30.11.-0001

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt0770802/