Rudolf Thome – Überall Blumen

(D 2016; Regie: Serpil Turhan)

Arbeit gegen die Vergänglichkeit

Das Filmerbe lagert in einer alten Scheune. Bedeckt von Staub und Spinnweben, finden sich hier Kopien, Requisiten, Plakate und Klappen. Es sind Gegenstände, in denen Filmgeschichte gespeichert ist und die persönliche Geschichten erzählen. Öffentliches Interesse und private Erinnerungen vermischen sich in ihnen, sind förmlich miteinander „verwachsen“ – wie der Bauernhof im brandenburgischen Örtchen Niendorf, wo Rudolf Thome lebt, und dessen Filmemachen, das nach 28 Langfilmen an ein Ende gekommen scheint. „Das braucht man alles nicht mehr“, sagt der Regisseur von „Rote Sonne“ und „Berlin Chamissoplatz“ mit leichter Wehmut und wünscht sich zugleich, es wäre anders. Denn der 1939 geborene Thome, der gern ein wenig bekannter wäre und der seit seinem 2011 entstandenen „Ins Blaue“ keinen Film mehr realisieren konnte, hat Sorge, „aus dem Gedächtnis der Filmwelt zu verschwinden“. Einmal vergleicht er sich deshalb mit einem Mann im Treibsand, von dem nur noch der Kopf zu sehen ist, während der Körper immer mehr versinkt.

Serpil Turhans Film „Rudolf Thome – Überall Blumen“ richtet sich gewissermaßen gegen dieses allmähliche Verschwinden, das einen thematischen Rahmen bildet. Indem Thome ein neues Drehbuch beginnt, obwohl die Finanzierung noch ungewiss ist, und Turhan dies dokumentiert, arbeiten die beiden gegen die Vergänglichkeit. „Man muss immer positiv denken, sonst hätte ich schon längst keinen Film mehr gemacht und würde auch jetzt nicht dieses Drehbuch schreiben“, sagt Thome einmal zu seiner Tochter Joya, die selbst einen Film drehen will und dem Vater verspricht, ihn beim Crowdfunding seines Projekts zu unterstützen. Für Rudolf Thome, der früh seine geliebte Mutter verloren hat und der in einer Tagebucheintragung auch vom Tod seines zweiten Sohnes Max und seines langjährigen, ihm sehr nahe stehenden Kameramannes Martin Schäfer spricht, ist die künstlerische Arbeit aber nicht nur ein Mittel gegen das Vergessen, sondern vor allem der Versuch, von möglichst vielen Menschen geliebt zu werden.

Sein mit vielen Fotos und kurzen Filmen angereichertes Internet-Tagebuch ist insofern ein weiteres Kommunikationsmedium, mit dem Thome sein (künstlerisches) Leben „rettet“, indem er es mit anderen teilt. Immer wieder zitiert Serpil Turhan daraus, während sie in ruhigem, fast bedächtigem Rhythmus Thomes Alltag auf seinem Bauernhof dokumentiert. Dieser wird bestimmt von täglichen Ritualen und Routinen, der Arbeit im Garten inmitten einer üppigen Pflanzen- und Blumenwelt sowie Thomes täglichen Fahrradtouren. So entsteht ein ebenso intimes wie liebevolles Portrait, das unverstellt und direkt einen mal ungeduldigen und schroffen, dann wieder nachdenklichen und gefühlvollen Menschen zeigt. Spontan, fast absichtslos und wie nebenbei entwickelt Turhan, die in früheren Thome-Filmen als Schauspielerin und Assistentin mitgewirkt hat, Motive und Themen. Dabei teilt sie mit dem Portraitierten eine „Liebe zur Poesie des Alltäglichen“. Als Thome für sich erkennt, dass ihm wohl die Kraft fehlt, mit weniger als den einmal erreichten Produktionsstandards einen weiteren Film zu drehen, geht auf melancholische Weise ein Lebensabschnitt zu Ende. Zugleich beginnt jedoch ein neuer, für den der optimistische Filmemacher sich vornimmt, seine Autobiographie zu schreiben und neunzig Jahre alt zu werden.

Benotung des Films :

Wolfgang Nierlin
Rudolf Thome - Überall Blumen
Deutschland 2016 - 84 min.
Regie: Serpil Turhan - Drehbuch: Serpil Turhan, Eva Hartmann - Produktion: Barbara Groben - Kamera: Serpil Turhan - Schnitt: Eva Hartmann - Verleih: Peripher Filmverleih - Besetzung: Rudolf Thome, Joya Thome, Nicolai Thome
Kinostart (D): 15.09.2016

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt5377278/
Link zum Verleih: http://fsk-kino.peripherfilm.de/peripher-filmverleih/
Foto: © Peripher Filmverleih