Ruby Sparks – Meine fabelhafte Freundin

(USA 2012; Regie: Jonathan Dayton, Valerie Faris)

Diskursiver Schwindel

Im blendenden Gegenlicht greller Sonnenstrahlen erscheint eine junge, lächelnde Frau. Der irdische Traum von einem göttlichen Wesen signalisiert von Anfang an die enge Verbindung von Wirklichkeit und Illusion sowie einen stetigen Wechsel zwischen beiden. In „Ruby Sparks – Meine fabelhafte Freundin“, dem neuen Film des amerikanischen Indie-Filmemacher-Paars Jonathan Dayton und Valerie Faris, ist der Träumer ein Schriftsteller mit einer Schreibkrise und einem Frauenproblem. Doch bevor sich seine Träume in Literatur verwandeln und die Literatur sich als Wirklichkeit materialisiert, entwickelt der Film eine wohltuend ausführliche Charakterisierung des Protagonisten und seines vielschichtigen Problems, das den Interpreten reichlich Deutungsstoff bietet, ja geradezu einen diskursiven Schwindel erzeugt.

Seit der 29-jährige notorische Einzelgänger und Kopfmensch Calvin Weir-Fields (Paul Dano) im Alter von 19 Jahren als literarisches Wunderkind entdeckt wurde, gilt er seinen Bewunderern als Genie. Vor allem seine weiblichen Fans haben es auf den smarten, zurückhaltenden Mann abgesehen. Doch seit einer gescheiterten Liebesbeziehung mit seiner früheren Freundin Lila (Deborah Ann Woll) hat der introvertierte Calvin weder Beziehungen zu Frauen noch überhaupt Sex, was von seinem Bruder Harry (Chris Messina) heftig hintertrieben wird. Auch Calvins infantile Regressionsphantasien in der Praxis seines Therapeuten Dr. Rosenthal (Elliott Gould) sowie die Projektion seiner psychischen Probleme auf sein Hündchen „Scotty“ (benannt nach dem Schriftsteller F. Scott Fitzgerald) zeichnen ein ziemlich komplexes Störungsbild: Zur Schreibblockade und Einsamkeit des ebenso romantisch wie rational veranlagten „Sublimierers“ kommen offensichtlich noch ein Mutterkomplex und eine Angstneurose.

„Kein Mann ist freiwillig allein“, wird einmal Humphrey Bogart in Billy Wilders „Sabrina“ zitiert. Also, inspiriert von seinen Träumen, erschreibt sich die Pygmalion-Figur Calvin wie im Rausch seine Traumfrau und erfüllt damit zugleich Dr. Rosenthals Therapievorgaben. Dabei ersetzt das Schreiben zunächst die Realität. Doch als plötzlich völlig unerwartet die Worte Wirklichkeit werden und die Titelheldin Ruby Sparks (Zoe Kazan, von der auch das beziehungsreiche Drehbuch stammt) in seiner Küche hantiert, ist das nicht nur ein phantastischer Schock, sondern auch ein Nachweis für die verändernde Kraft der Literatur. „Dass es dich wirklich gibt, ist völlig unglaublich“, sagt der Schöpfer zu seinem Geschöpf.

Ganz selbstverständlich und mit viel Humor integrieren die beiden Regisseure diese phantastische Prämisse in ihre ironische Beziehungskomödie, in die sich mit subtilem Nachdruck immer deutlicher der Horror schleicht. Denn natürlich bleibt die ideale Schöpfung unter den Einwirkungen des Lebens nicht einfach unverändert stehen. Und so wird der ebenso verunsicherte wie kontrollsüchtige Calvin, von Eifersucht, Verlustängsten und Erfinder-Hybris getrieben, immer stärker zum machtbesessenen Manipulator, der aus seiner Freundin – einem sehr menschlichen Wesen aus Fleisch und Blut – auf seiner Olympia-Schreibmaschine eine beliebig programmierbare Marionette macht. „Es tut mir leid, dass ich dich ändern wollte“, bedauert Calvin dann doch noch am Ende dieser „wahren, unmöglichen Geschichte“, die auch eine Reflexion über kreative Prozesse ist. Dass sich die Männerphantasie schließlich rückverwandeln darf in einen „normalen Menschen“ und die Literatur dabei zugleich ihrer therapeutischen Funktion gerecht wird, gehört zum besonderen Charme dieses geistreichen Films.

Benotung des Films :

Wolfgang Nierlin
Ruby Sparks - Meine fabelhafte Freundin
USA 2012 - 104 min.
Regie: Jonathan Dayton, Valerie Faris - Drehbuch: Zoe Kazan - Produktion: Albert Berger, Ron Yerxa - Kamera: Matthew Libatique - Schnitt: Pamela Martin - Verleih: 20th Century Fox - FSK: ab 6 Jahre - Besetzung: Paul Dano, Zoe Kazan, Antonio Banderas, Annette Bening, Steve Coogan, Elliott Gould, Chris Messina
Kinostart (D): 29.11.2012

DVD-Starttermin (D): 30.11.-0001

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1839492/