Renoir

(F 2012; Regie: Gilles Bourdos)

Träume und Traumata

Die Struktur eines Bildes werde durch die Farbe bestimmt, nicht durch die Linie, sagt Pierre Auguste Renoir (Michel Bouquet) über die zunehmende Tendenz zur Vereinfachung in seinem Alterswerk. Und an einer anderen Stelle von Gilles Bourdos‘ Film „Renoir“ fordert der malende Schönheitssucher und lebensbejahende Impressionist, ein Bild solle „angenehm und freundlich“ sein und das Elend der Welt aussparen. Und genau ein solches Bild voller Wärme und Licht, voller Farben und sinnlicher Lust malt der französische Regisseur mit seinem in eine sommerliche Luftigkeit und traumhafte Poesie getauchten Film. Manchmal scheint es, als ließen sich die Bilder in eine unbestimmte Richtung treiben, als folgten sie der sogenannten „Korkentheorie“ („Im Leben muss man sich treiben lassen.“) des berühmten Malers. Der Wind rauscht in den Bäumen von Renoirs großem Garten, der zu seinem Anwesen „Les Collettes“ an der Côte d’Azur gehört. Goldenes Licht beleuchtet die Szenen, die den Blick immer wieder zum Meer hin öffnen. Und die geheimnisvoll ineinander verschlungenen Farbschlieren, die der Pinsel im Wasserglas hinterlässt, sind erotisch aufgeladen.

Doch in einer feinen Unterströmung wird diese üppige Feier des Lebens melancholisch getönt. Der alte Maler, von einem ganzen Frauenstaat umsorgt, trauert um seine verstorbene Frau und den Weggang seines Lieblingsmodells Gabrielle. Er leidet unter einer schmerzhaften Arthritis und muss bei seiner Arbeit im Rollstuhl sitzen. Zwar sind die Kriegswirren des Jahres 1915 fern, doch Bourdos spart ihre Zeichen nicht aus. In geradezu surrealer Anmutung kontrastiert er immer wieder das Leichte mit dem Schweren, die unbeschwerte Schönheit mit den Narben von Kriegsversehrten. Zu diesen gehören auch Renoirs älteste Söhne Pierre und Jean (Vincent Roittier), der mit einer schlimmen Beinverletzung und auf Krücken das Anwesen seines Vaters erreicht, wo er sich erholen will. Noch ist Jean, der später ein berühmter Filmregisseur werden wird, ohne Ambitionen und rechte Perspektive; noch erscheint der Krieg (und seine Mischung aus Heldentum, Kameraderie und Resignation) wie ein gefährlich falscher Ersatz für diesen Mangel.

Die Liebe zu einer Frau, so legt es zumindest der Film nahe, wird das ändern. Andrée (Christa Théret), genannt Dédée (als Schauspielerin wird sie später unter dem Namen Catherine Hessling bekannt werden), ist „das Mädchen aus dem Nichts, geschickt von einer Toten“, wie Renoir bei der Begrüßung seines neuen Modells sagt. Er blickt auf ihre Hände und sieht dabei ihre samtige Haut, er bewundert ihre Brüste und findet im Fleisch dieser jungen Frau jene für seine Bilder so wichtige Lebendigkeit. Dédée, temperamentvoll und rothaarig, natürlich und selbstbewusst, bezaubert zunächst den alten, dann den jungen Renoir und wird damit zur Muse und Geliebten. Wie Renoir in seinen Gemälden, so feiert auch Gilles Bourdos in seinem Film auf schwelgerische Weise die Lebendigkeit der Körper und die Farben der Natur. Die Traumata der Zeit werden darin als fernes, unwirkliches Echo verschluckt. Mit seinem Helden beschwört „Renoir“ den Eskapismus der Kunst als Mittel des Überlebens: „Der Schmerz geht vorbei, die Schönheit bleibt.“

Benotung des Films :

Wolfgang Nierlin
Renoir
Frankreich 2012 - 111 min.
Regie: Gilles Bourdos - Drehbuch: Jérôme Tonnerre, Gilles Bourdos - Produktion: Olivier Delbosc, Marc Missonnier - Kamera: Ping Bin Lee - Schnitt: Yann Kerguat - Musik: Alexandre Desplat - Verleih: Arsenal - FSK: ohne Altersbeschränkung - Besetzung: Michel Bouqet, Christa Theret, Vincent Theret, Vincent Rottiers, Thomas Doret, Michèle Gleizer, Romane Bohringer
Kinostart (D): 07.02.2013

DVD-Starttermin (D): 30.11.-0001

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt2150332/