Orly

(D / F 2010; Regie: Angela Schanelec)

Selbstbegegnung im öffentlichen Raum

Die Spannung zwischen öffentlichem Raum und privatem Leben, zwischen Anonymität und individuellem Schicksal kennzeichnet Angela Schanelecs neuen Film „Orly“. Der titelgebende Pariser Flughafen, zentraler Schauplatz und Nicht-Ort zugleich, fungiert dabei als Passage: Eine raum-zeitlich verdichtete Durchgangsstation flüchtiger Blicke und Begegnungen, wo im unablässigen Kommen und Gehen die Vergänglichkeit selbst zum Thema wird. Zwischen Abschied und Ankunft kreuzen sich Wege, gibt es kurze Annäherungen zwischen Fremden und unmögliche Sehnsüchte. Das Ganze und seine Teile befinden sich hier in permanenter Bewegung und Veränderung. Aus diesem Geflecht löst Angela Schanelec scheinbar absichtslos einzelne Figuren und setzt sie zueinander in Beziehung. So zufällig wie dies geschieht, so fragmentarisch bleibt die Beschreibung ihrer Existenzen. Die Enden der Geschichten verlieren sich jeweils von beiden Seiten im Unbekannten, Vergangenheit und Zukunft sind ungewiss.

„Wenn man jemandem begegnet, begegnet man sich selbst“, sagt Juliette (Natacha Régnier). Für sie, die auf ihren Rückflug nach Montréal wartet, wird der Musikproduzent Vincent (Bruno Todeschini) zum Katalysator einer solchen Selbstbegegnung, die den Anderen braucht. Mit ungewöhnlicher Offenheit sprechen die beiden Fremden über die Zufälle ihres Lebens, über ihre Familien und die Sehnsucht nach einem Zuhause. Dabei entsteht eine starke intime Nähe, die einen Kontrast bildet zur anonymen Situation inmitten des öffentlichen, nicht identifizierbaren Stimmengewirrs. Oder auch zu den Kommunikationsdefiziten der anderen, paarweise auftretenden Figuren, deren Vertrautheit kein Verstehen garantiert, ja geradezu von einem Gefühl der Entfremdung umfangen ist. So scheinen die intimen Geständnisse einer von Mireille Perrier gespielten Mutter und ihrem Sohn, beide unterwegs zur Beerdigung des Familienvaters, die Distanz zwischen ihnen eher noch zu verstärken.

Dagegen schleicht sich bei dem jugendlichen deutschen Paar dieser mögliche Entfremdungsprozess eher als unmerkliche Störung in die vermeintlich harmonische Geborgenheit des gemeinsamen Reisens. Eine Vorübergehende (Maren Eggert) erregt die Aufmerksamkeit des jungen Mannes und lenkt ihn gedanklich von seiner Freundin ab. Man kann in seiner versteckten Unruhe und der von ihr angetriebenen Suche nach der Entschwundenen die Untreue des Augenblicks förmlich spüren. Wenn er sie später mehr unbewusst denn absichtlich auf einem seiner Fotos wiederfindet, wirkt das wie eine Ironie des Abbilds gegenüber der Wirklichkeit. Als würde das Bild die wahren Momente der Erinnerung nicht nur beglaubigen und speichern, sondern selbst finden.

Bedingt wird dieses Finden durch Absichtslosigkeit und Abstand, was – ergänzt durch den Faktor Zeit – auch Angela Schanelecs filmästhetische Prinzipien sind. Ihre Bilder wahren eine diskrete Distanz, die zum Einen dem Sujet innewohnt, zum Anderen dem Film seinen Atem, dem Spiel seinen Raum schenkt. Nicht zuletzt darin erweist sich „Orly“ als ein Film, der die Aufmerksamkeit auf das Detail lenkt und seine Schönheit in der bewussten Konzentration auf das scheinbar Beiläufige findet.

Benotung des Films :

Wolfgang Nierlin
Orly
(Orly)
Deutschland / Frankreich 2010 - 83 min.
Regie: Angela Schanelec - Drehbuch: Angela Schanelec - Produktion: Gian-Piero Ringel, Angela Schanelec - Kamera: Reinhold Vorschneider - Schnitt: Mathilde Bonnefoy - Verleih: Piffl Medien - FSK: ohne Altersbeschränkung - Besetzung: Natacha Régnier, Bruno Todeschini, Mireille Perrier, Emile Berling, Jirka Zett, Lina Phyllis Falkner
Kinostart (D): 04.11.2010

IMDB-Link: http://www.imdb.de/title/tt1390415/
Foto: © Piffl Medien