Open Hearts

(DK 2002; Regie: Susanne Bier)

Von der Unumkehrbarkeit des Lebens

In den stärksten Filmen, die nach den Regeln der dänischen Dogma-Bewegung gedreht wurden, gibt es jene irritierenden Momente, in denen die Fiktion aufgehoben scheint und die geballte Kraft des Realen ungefiltert den Zuschauer erreicht. Eine Verunsicherung stellt sich ein, die den Illusionscharakter des Kinos für Augenblicke in Zweifel zieht und an der unsichtbaren Demarkationslinie zur Wirklichkeit kratzt. Lars von Trier, der Mitinitiator und Unterzeichner des Manifests, hat in seinem Film „Idioten“ auf verstörende Weise diese Konventionen attackiert. Susanne Biers „Open Hearts“ besitzt kaum noch etwas von diesem ästhetischen Affront. Zwar hat sie in einem Interview mit der Zeitschrift „Filmbulletin“ erklärt, Dogma sei für sie „die Kunst, Wirklichkeit im Spielfilm direkt und ungekünstelt darzustellen.“ Jedoch geht es ihr jenseits fundamentalistischer Reinheitsgebote primär darum, eine praktikable, dem Stoff angemessene Methode in ihren eigenen filmischen Stil zu integrieren. Fast unmerklich wird im Film der dänischen Regisseurin die Inszenierung zum Mittel, die auch in Dogmafilmen stets vorhandene Differenz zwischen Wirklichkeit und Abbildung zu reinstallieren.

Ein in der Bewegung kurz anhaltender Schwenk, ein beiläufiges Verharren des Kamerablicks in einem Spiegel oder auf Details, erzählerische Ellipsen und ironische Dialoge liefern entsprechende Anhaltspunkte für die Anwesenheit des inszenierten Spiels. Jump Cuts und grobkörnige, lichtarme Bilder sind deshalb nur noch äußere Merkmale eines bereits ausgehöhlten Rigorismus. Dies zeigt auch die Verwendung zusätzlicher Musik und die besonders Dogmafilme ästhetisch verfälschende Praxis des Synchronisierens.

Da „Open Hearts“ aber vor allem ein Kino der Gefühle exponiert, ist die Wahl der Handkamera ein durchaus adäquates Mittel, um die Sprunghaftigkeit von Emotionen, die das Leben der Figuren heftig erschüttert und durcheinander wirbelt, in Szene zu setzen. Biers Film ist gerade dort am intensivsten, wo es ihm gelingt, die quasi „asozialen“ Leidenschaften in ihren eruptiven, vernunftwidrigen Ausschließungstendenzen unmittelbar erfahrbar zu machen. Auch wenn diese Gefühle verrant und egozentrisch sind, verleiht ihnen Susanne Biers Inszenierung doch eine starke Intimität und Körperlichkeit.

Nicht der äußere Alltag, sondern die inneren Dramen stehen im Mittelpunkt des Films. Als nach einem ebenso plötzlichen wie schicksalhaften Unfall mit schwerwiegenden Folgen das junge Liebesglück zwischen der Köchin Cecilie (Sonja Richter) und dem Architekturstudenten Joachim (Nikolaj Lie Kaas) zerstört ist, muß das Leben weitergehen, obwohl es sich unumkehrbar verändert hat. Der junge Mann ist querschnittsgelähmt und erträgt die Liebe seiner hübschen Freundin nur noch schwer. Diese sucht Trost und findet ihn in den Armen des Arztes Niels (Mads Mikkelsen), der im selben Krankenhaus arbeitet. Weil dessen Frau Marie (Paprika Steen) den Unfallwagen steuerte, mischen sich anfangs Schuldgefühle in die aufkeimende Liebe, denen auf der anderen Seite der Schock einer unheilbaren Verwundung gegenübersteht.

Biers Film handelt von der Gefährdung des Glücks und von den irreversiblen Veränderungen des Lebens, die hier neben Paarbeziehungen das Gefüge einer Familie erschüttern. Trotz handlungstechnischer Konstruktionen und allzu gesuchter Koinzidenzen bewahrt „Open Hearts“ eine unaufdringliche, manchmal schmerzliche Nähe zum Leben. Und auch wenn der blinde Zufall Auslöser der tragischen Ereignisse ist, sucht die Regisseurin – man mag das bedauern – eher nach realistischen denn nach metaphysischen Lösungen, damit sich die Protagonisten für das Neue in ihrem Leben öffnen.

Benotung des Films :

Wolfgang Nierlin
Open Hearts
(Elsker dig for evigt)
Dänemark 2002 - 113 min.
Regie: Susanne Bier - Drehbuch: Anders Thomas Jensen - Produktion: Jonas Frederiksen, Vibeke Windeløv - Kamera: Morten Søborg - Schnitt: Pernille Bech Christensen, Thomas Krag - Musik: Jesper Winge Leisner - Verleih: Arsenal - FSK: ab 12 Jahre - Besetzung: Sonja Richter, Nikolaj Lie Kaas, Mads Mikkelsen, Paprika Steen, Birthe Neumann, Stine Bjerregaard, Birthe Neumann, Niels Olsen, Ulf Pilgaard
Kinostart (D): 09.01.2003

DVD-Starttermin (D): 30.11.-0001

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt0315543/
Link zum Verleih: NULL