Oma & Bella

(D 2012; Regie: Alexa Karolinski )

Erzählen und Fehlen

Eine kleine Einbauküche in Berlin-Charlottenburg. Zwei jüdische Damen in ihren 80ern sind beim gemeinsamen Kochen. Einmütig, konzentriert und schweigsam, ohne sich auch nur einmal in die Quere zu kommen. Immer wieder kehrt Alexa Karolinskis Film in die Küche ihrer Großmutter Regina und deren Mitbewohnerin und Freundin Bella zurück und dokumentiert das Treiben der beiden Frauen. Ob beim Rasieren von Kalbsfüßen und Hähnchenschenkeln, beim Hagelzuckerkekse-Backen oder Borschtsch-Zubereiten, die Kamera ist nah dran an Gesichtern und Händen und blickt aufmerksam auf das Geschehen.

„Oma & Bella“ ist ein Film der kleinen Gesten, der unaufgeregt und ohne aufgesetzte Dramatik dem Alltag seiner Protagonistinnen folgt. Dabei bleiben die bewegten Biografien der beiden Holocaust-Überlebenden stets Fragmente, die sich als Anekdoten, Lieder, Alpträume und den jiddischen Speisen ihrer Kindheit mit der Textur eines banalen Alltags verweben. Karolinski versucht gar nicht erst aus dem Leben der Oma und deren bester Freundin eine runde Geschichte zu machen, stattdessen inszeniert sie mit äußerster Zurückhaltung das Erzählen und Erinnern als Teil der Lebenspraxis, fernab von falscher Sentimentalität und Holo-Kitsch.

Erzählen heißt nochmal überleben, meint Bella, die Partisanin der jüdischen Widerstandsbewegung war und ihre gesamte Familie im Dritten Reich verloren hat. Wie schwer das Erzählen fallen kann, sieht man an den Freundinnen von Regina und Bella; beim Rommé-Spiel erfasst die Kamera die eintätowierte KZ-Nummer einer Bekannten, mehr als dass sie in Auschwitz war und später auf Schindlers Liste stand, möchte sie nicht verraten. Bella und Regina aber nutzen den Raum, den der Film ihnen zur Verfügung stellt, drängen sich bisweilen gegenseitig zu reden, wenn vieles auch nur angedeutet bleibt. Die Offenheit, mit der sich die charismatischen Seniorinnen präsentieren, kommt wohl auch deshalb zustande, weil Regisseurin und Kamerafrau Karolinski keinen investigativen oder kritischen Zugang zum Leben der Großmutter sucht, sondern stets Enkelin bleibt. Da kommt sie nicht drum herum, noch einen Keks zu essen, obwohl sie schon satt ist oder tritt amüsiert aber folgsam vor die Kamera, um den Orangensaft zu trinken, den Regina ihr hingestellt hat. Wegen der Vitamine.

Der liebevolle Blick der Filmemacherin hinter der Kamera wird von den Protagonistinnen erwidert, vertrauens- und verständnisvoll erzählen sie nicht nur von jüdischer Kultur, sondern auch vom Nachtleben im Nachkriegsdeutschland, vom Familienleben und Altsein, mal nachdenklich, mal mit trockenem Witz. Wo das Leben der Einen anfängt und der Anderen aufhört, lässt sich kaum ausmachen, ihr Erzählen ist ein gemeinschaftliches, ein ständiges Ergänzen, Kommentieren und Übersetzen, selten auch ein Widersprechen. Karolinski verbindet Interviews mit Alltagsbeobachtungen zu einer losen, episodischen Struktur, die gelegentlich etwas beliebig wirken mag. Gleichzeitig lässt sie sich aber ganz auf den Rhythmus und Ton ein, den Regina und Bella vorgeben. So werden auch die Leerstellen Teil des Erzählens: verpasste Einsätze, vergessene Strophen und verschollene Fotografien.

Benotung des Films :

Carsten Moll
Oma & Bella
(Oma & Bella)
Deutschland 2012 - 75 min.
Regie: Alexa Karolinski - Drehbuch: Alexa Karolinski - Produktion: Alexa Karolinski - Kamera: Günther Berghaus, Bella Lieberberg, Alexander Malecki, Alexa Karolinski - Schnitt: Alexa Karolinski - Musik: Annette Focks - Verleih: Salzgeber - Besetzung: (Mitwirkende) Regina Karolinski, Bella Katz
Kinostart (D): 23.08.2012

DVD-Starttermin (D): 30.11.-0001

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt2078696/