Marketa Lazarová

(CSSR 1967; Regie: František Vlácil)

Stabile Ordnung der Gewalt

Rund fünfzig Jahre nach seiner Entstehung erreicht hierzulande mit „Marketa Lazarová“ ein Film die Leinwände, der unter Kennern längst als Meisterwerk gilt. Der kunstgeschichtlich ausgebildete tschechische Regisseur und Solitär František Vlácil hat sein wuchtiges mittelalterliches Epos Mitte der 1960er Jahre nach dem gleichnamigen Roman seines Landsmannes Vladislav Vancura realisiert. 548 Drehtage und eine Verdoppelung der veranschlagten Produktionskosten waren nötig, damit Vlácil seine schwarzweiße Vision eines möglichst authentischen Historienfilms ins Bild setzen konnte. Dabei geht es ihm – entgegen den Konventionen historischen Erzählens – nicht um das Nachstellen geschichtlicher Ereignisse, sondern um den Versuch, das Leben und die Denkweise einer vergangenen Zeit erfahrbar zu machen, also die damaligen Menschen und ihr Handeln zu verstehen. Damit die Schauspieler ihre Rollen leben konnten, ist Vlácil mit seiner Crew für zwei Jahre in den Böhmerwald gezogen und hat Werkzeuge und Waffen auf mittelalterliche Weise anfertigen lassen.

Mit „Marketa Lazarová“, einer Geschichte über permanente Gewalt und Gegengewalt, festigte František Vlácil aber vor allem seinen Ruf als rigoroser visueller Stilist des tschechischen Kinos. Seine 165 Minuten lange filmische Reflexion über den rohen, destruktiven Menschen gibt sich, gegliedert in zwei Teile und insgesamt zwölf Unterkapitel, in seiner Verlebendigung des Vergangenen chronologisch. Tatsächlich mäandert das mitunter schwer nachvollziehbare Geschehen um die kriegerischen Auseinandersetzungen zweier verfeindeter Familien-Clans aber zwischen Wirklichkeit und Traum, Licht und Dunkelheit, Gegenwart und Erinnerung. Vlácils sehr artifizieller Film, der mit surrealen Sequenzen, symbolisch aufgeladenen Bildern und akustischen Verfremdungen irritiert, folgt dabei einer Logik des Irrationalen und dem primitiven Instinkt seiner Helden. Deren unmittelbarer körperlicher Ausdruck, unterlegt mit Trommeln und mittelalterlichen Gesängen, materialisiert gewissermaßen den „Streit zwischen Liebe und Grausamkeit, Gewissheit und Zweifel“, wie es am Ende des Films heißt.

An dessen Beginn steht demgemäß ein brutaler Überfall, bei dem die beiden Brüder Adam und Miklas, Söhne des räuberischen Freibauern Kozlík, einen jungen deutschen Adligen entführen. Darüber geraten sie nicht nur in eine Rachefehde mit ihrem Nachbarn Lazar, sondern auch in einen blutigen Konflikt mit dem Hauptmann des Königs, der den Grafen Christian befreien will. Dieser soll nämlich zum Bischof gekrönt werden, verliebt sich aber in Kozlíks heidnische, amazonenhafte Tochter Alexandra. Gespiegelt wird diese fast „widernatürlich“ erscheinende Täter-Opfer-Beziehung im Verhältnis, das die schöne Titelheldin Marketa – die jungfräuliche, für ein Leben im Kloster bestimmte Tochter Lazars – mit ihrem Entführer Miklas eingeht. Der Krieg ist in Vlácils düsterer Vision auf die Triebkräfte der menschlichen Natur der Vater aller Dinge. Während der um Freiheit und Erlösung ringende Kampf tobt, der mehr graphisch als realistisch inszeniert ist, erfleht Marketa im Kloster göttliche Gnade. Doch in Vlácils ungewöhnlichem Film markieren die Gegensätze eine stabile Ordnung, die sich wie die mit ihr verbundene Gewalt immer weiter fortsetzt.

Benotung des Films :

Wolfgang Nierlin
Marketa Lazarová
Tschechoslowakei 1967 - 165 min.
Regie: František Vlácil - Drehbuch: František Vlácil (nach dem gleichnamigen Roman von Vladislav Vancura) - Produktion: Josef Ouzky - Kamera: Bedrich Batka - Schnitt: Miroslav Hájek - Musik: Zdenek Liska - Verleih: Drop-Out Cinema - FSK: ab 16 Jahren - Besetzung: Josef Kemr, Nada Henja, František Velecky, Ivan Palúch, Pavla Polaskova, Michal Kozuch, Magda Vásáryová
Kinostart (D): 01.12.2016

DVD-Starttermin (D): 03.03.2017

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt0063278/
Link zum Verleih: http://www.bildstoerung.tv/blog/filme/marketa-lazarova/
Foto: © Drop-Out Cinema