Manolo und das Buch des Lebens

(USA 2014; Regie: Jorge Gutierrez)

Der schwere Fehler der komischen Entlastung

„Firlefanz, Gummigans, grüner Elch, Früchtekelch, Schlangenblick, Tortenstück, Frittenfett, Schokomatsch!“
– aus dem Titelsong zu „Cosmo & Wanda – Wenn Elfen helfen“

Will man sich dem Wesen zeitgenössischer TV-Cartoons wie „SpongeBob Schwammkopf“, „Adventure Time“, „Die fantastische Welt von Gumball“ oder eben „Cosmo & Wanda“ annähern, mag das einleitende, an eine magische Beschwörungsformel erinnernde Zitat vielleicht ein erster Schritt sein, um dieses Phänomen zu begreifen. Das halsbrecherische Tempo, die sprunghafte Ausgelassenheit und der absurde Humor der im Kinderprogramm ausgestrahlten Zeichentrickserien kommen in dem kurzen Dada-Vers schließlich bereits ganz gut zum Ausdruck. Auch Jorge R. Gutierrez, dem Regisseur und Drehbuchautor von „Manolo und das Buch des Lebens“ dürften diese Eigenarten nicht fremd sein, feierte der Animator seinen ersten großen Erfolg doch 2007 mit der Nickelodeon-Produktion „El Tigre: Die Abenteuer des Manny Rivera“.

In der gemeinsam mit seiner Ehefrau Sandra Equihua erdachten Serie erzählt Gutierrez von einem 13-jährigen Jungen mit Superkräften, der in einer fiktiven mexikanischen Metropole aufwächst und erst noch herausfinden muss, ob er nun lieber ein Held oder doch ein Schurke sein will. Dabei verbinden sich in erprobter Manier infantile Freude und abgeklärte Ironie zu einer wahnwitzigen Mischung, die jedoch stets klaren Regeln folgt: Denn so clean und kontinuierlich sich die Konturen um die knallbunten, durchgeknallten Figuren legen, so konsequent werden die kindlichen Allmachtsfantasien von moralischen Lektionen begleitet und in eine letztlich harmlose Überdrehtheit überführt.

In Zusammenarbeit mit dem Animationsstudio Reel FX (das bisher vor allem mit dem fürchterlichen „Free Birds – Esst uns an einem anderen Tag“ (2013) auf sich aufmerksam gemacht hat) hat Gutierrez nun einen Kinofilm erschaffen, der (nicht ganz nahtlos) an die von mexikanischer Volkskunst inspirierte Ästhetik seiner Cartoonserie anknüpft. Die zweidimensionalen Flash-Animationen von „El Tigre“ sind in der Zwei-Männer-buhlen-um-eine-Frau-Story „Manolo und das Buch des Lebens“ größtenteils computergenerierten 3D-Bildern gewichen. Der Dimensionssprung erweist sich dabei bei der Darstellung von üppig ausgestatteten Schauplätzen wie einem mexikanischen Dorf oder einer farbenfrohen Unterwelt zwar als Vorteil, jedoch nicht unbedingt beim Figurendesign. Besonders die angebetete Protagonistin María wirkt mit ihren Augäpfeln von der Größe eines Basketballs sowie einer Taille, für die sogar Disney-Prinzessinnen lange hungern müssten, in all ihrer Räumlichkeit äußerst befremdlich.

Die Idee, die Figuren der Kernerzählung (welche in eine überflüssige Rahmenerzählung gebettet ist, die dem US-amerikanischen Publikum wohl den Zugang zu mexikanischer Folklore erleichtern soll) als Holzpuppen auftreten zu lassen, ist zudem nicht nachvollziehbar und ihre Ausführung wenig gelungen. Bis auf charakteristische Holzmaserungen, die bei Großaufnahmen von Gesichtern zu sehen sind, können die Computeranimationen nie glaubwürdig vortäuschen, dass die Helden des Films aus Holz gefertigt sind. Hölzern im Sinne von ausdruckslos agieren die eindimensionalen Figuren zwar allemal, an die sinnlichen Qualitäten von Hölzern erinnert das hektische digitale Treiben allerdings nie. So bleibt dieser Einfall nicht mehr als ein unnötiges Gimmick, in einem an unnötigen Gimmicks nicht gerade armen Film.
Egal, ob ein Seifenblasen rülpsendes Huhn, ein argwöhnisches Schwein oder aus dem Nichts geschossene Pointen, im Sekundentakt pufft in Gutierrez‘ Kinofilm recht unmotiviert irgendein Firlefanz auf, um die magische Kreativität der Filmemacher zu bezeugen. Was in Zeichentrickserien mit 11-minütigen Episoden gut funktioniert, erweist sich bei „Manolo und das Buch des Lebens“ als schwerwiegende und nervtötende Fehlentscheidung: Das comic relief scheint hier zum Modus Operandi aufgestiegen zu sein und nimmt dem Film, der hilflos versucht, von Liebe und Tod zu erzählen, jedes Gewicht, das Eindruck hinterlassen könnte.

Während TV-Cartoons aufgrund ihrer Kürze emotionalen Tiefgang oder gesellschaftliche Themen oft nur anklingen lassen können und auch bei der Darstellung der Schauplätze gewissen Einschränkungen unterliegen, bietet das Format des Kinofilms eigentlich Potenzial, um auch einmal innezuhalten, zu schwelgen und so Räume, Ideen und Figuren in ihrer Tiefe erfahrbar zu machen. Gutierrez aber hetzt durch seine eigentlich reizvollen Welten, als wären es Achterbahnfahrten, und opfert die Figurenentwicklung einer Flut von zusammenhangslosem Schnickschnack.

Achso, und wer sich vom Namen des Produzenten Guillermo del Toro verführen lassen sollte, ins Kino zu gehen, der sei vorgewarnt, dass hier lediglich mit einem Horror der anderen Art zu rechnen ist. Zumindest in der deutschen Synchronfassung darf nämlich Ex-Bro’Sis-Mitglied und Fernsehnase Giovanni Zarrella den Helden sprechen und auch ein paar schwülstige Balladen singen.

Benotung des Films :

Carsten Moll
Manolo und das Buch des Lebens
(The Book of Life)
USA 2014 - 96 min.
Regie: Jorge Gutierrez - Drehbuch: Jorge Gutierrez, Douglas Langdale - Produktion: Aaron Berger, Brad Booker, Guillermo del Toro, Carina Schulze - Schnitt: John Carnochan - Musik: Gustavo Santaolalla, Paul Williams - Verleih: 20th Century Fox - FSK: ab 6 Jahren - Besetzung:
Kinostart (D): 12.02.2015

DVD-Starttermin (D): 30.11.-0001

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt2262227/