Maidan

(UA / NL 2014; Regie: Sergei Loznitsa)

Aus dem Inneren des Protests

Eine vielköpfige Menschenmenge, ein Meer aus Gesichtern, singt inbrünstig die sehr stimmungsvolle ukrainische Nationalhymne. Die unbewegte Kamera zeigt sie frontal, aus einer leicht erhöhten Position und bildfüllend. Vereinzelt werden Kopfbedeckungen abgenommen, Hände auf Herzen gelegt, Tränen verdrückt. Im Text dieses patriotischen Freiheits- und Heldenliedes werden der Zusammenhalt der Nation und die Gemeinschaft der Kosaken beschworen. In Sergei Loznitsas ebenso reduziertem wie konzentriertem Dokumentarfilm „Maidan“, der von Mitte November 2013 bis Mitte Februar 2014 die „Revolution der Würde“ auf dem titelgebenden Kiewer „Unabhängigkeitsplatz“ begleitet, strukturiert die Hymne gewissermaßen die Phasen der dramatischen Abläufe bis zu ihrer tödlichen Eskalation. Sie sagt uns aber auch etwas über die Mentalität eines Volkes, das sich hier in seiner Klage über die „kriminelle Bande“ „gesetzloser Blutsauger“ über alle Generationen und gesellschaftlichen Schichten hinweg vereint.

Über Wochen und Monate besetzen die Protestierenden mitten im Winter den zentralen Maidan-Platz, nachdem Präsident Wiktor Janukowytsch das Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union nicht unterzeichnet hat. Ihre Forderungen kulminieren schließlich in der Amtsenthebung des Staatsoberhauptes. Währenddessen organisieren sie den Widerstand, errichten Zeltlager und Suppenküchen und mit der zunehmenden Verschärfung der Proteste bald auch Barrikaden. Dabei fällt auf, wie geduldig, konzentriert und einvernehmlich die Menschen zusammenwirken. Plakate werden gemalt, Tee wird verteilt, Sprechchöre skandieren „Nieder mit der kriminellen Bande!“, während auf der entfernten Bühne Dichter patriotische Lyrik vortragen und Geistliche das ungerechte System anklagen sowie Reue fordern. Als der Platz geräumt werden soll und bald darauf der Straßenkampf beginnt, werden Pflastersteine ausgebuddelt und in langen Ketten zur „Frontlinie“ durchgereicht.

Der international renommierte Filmemacher Sergei Loznitsa liefert mit seinem Film eine Innensicht der Ereignisse, die er aus großem Abstand, quasi von den Rändern aus beobachtet. In langen, teils „indirekten“ Einstellungen dokumentiert er den Revolutionsalltag, seine Normalität, die jenseits der bekannten Nachrichten- und TV-Bilder stattfindet. Außer wenigen kurzen Zwischentiteln verzichtet er dabei auf erklärende Kommentare oder Interviews. Während er eine Chronik der zunehmend gewalttätiger werdenden Ereignisse schildert, stehen vielmehr das Volk, sein kollektiver Widerstand und seine Solidarität im Mittelpunkt. Und dabei bleibt auch nicht aus, dass die alten Begriffe von Ruhm, Ehre und Nation beschworen werden. Am Ende sind über hundert Tote zu beklagen, doch „Helden“ – so die Trauernden – „sterben nie!“ Gerade diese Sichtweise sowie die Rückschau auf die Ereignisse vom Maidan und deren politisch-kriegerischen Folgen erneuern die stetige Frage nach dem Sinn von Gewalt.

Benotung des Films :

Wolfgang Nierlin
Maidan
Ukraine / Niederlande 2014 - 130 min.
Regie: Sergei Loznitsa - Produktion: Maria Baker, Sergei Loznitsa - Kamera: Sergei Loznitsa, Serhiy Stetsenko - Schnitt: Danielius Kokanauskis, Sergei Loznitsa - Verleih: Grandfilm - Besetzung:
Kinostart (D): 03.09.2015

DVD-Starttermin (D): 30.11.-0001

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt3675486/