Lunchbox

(IND 2013; Regie: Ritesh Batra)

Von der Kraft des Erzählens

Mit den ersten Bildern dieses Films tauchen wir ein in das pulsierende, chaotisch anmutende Leben der indischen Millionen-Metropole Mumbai. Überfüllte Vorortzüge, Rikscha-Fahrer im strömenden Regen, überfrachtete Kuriere und Lieferanten, dazwischen Impressionen von Tauben, Schuhputzern und singenden Arbeitern vermitteln davon einen authentischen Eindruck. Der in Mumbai aufgewachsene Regisseur Ritesh Batra hat für sein höchst sehenswertes Spielfilmdebüt „Lunchbox“ mit dokumentarischen Mitteln an Originalschauplätzen gedreht. Die Vielfalt der Ethnien und sozialen Schichten sowie damit verbundene kulturelle, religiöse und nicht zuletzt kulinarische Unterschiede bilden den gewichtigen, für den westlichen Zuschauer eher unauffälligen Erzählrahmen seiner Geschichte. Auch mit den sogenannten Dabbawallas ist Batra aus einem früheren, unvollendeten Dokumentarfilmprojekt bestens vertraut: Diese transportieren täglich Tausende von Mittagessen, die von Frauen oder in Kantinen gekocht werden, in einer mehrteiligen Lunchbox zu den überwiegend männlichen Adressaten in den Betrieben, wobei ein ausgeklügeltes Kodiersystem dafür sorgt, dass es praktisch nie zu Fehllieferungen kommt.

Doch gerade ein solch unwahrscheinliches Versehen bildet die Handlungsgrundlage für Ritesh Batras lebensklugen Liebesfilm. Weil die junge Hausfrau und Mutter Ila (Nimrat Kaur) von ihrem ihr gegenüber gleichgültig gewordenen Ehemann vernachlässigt wird, versucht die leidenschaftliche Köchin mit einem besonders schmackhaften Essen seine Liebe oder zumindest seine Aufmerksamkeit zurückzugewinnen. Jedoch landet gerade diese Mahlzeit irrtümlich bei dem feinsinnigen Buchhalter Saajan (Irrfan Khan), der in der Schadensabteilung eines Versicherungsunternehmens arbeitet und nach 35 Jahren Berufsleben kurz vor der Pensionierung steht. Als Ila das Versehen bemerkt, fügt sie der nächsten Lunchbox eine Nachricht an den fremden Mann bei, der seinerseits darauf antwortet. Bald darauf entspinnt sich ein reger Briefwechsel zwischen der unglücklichen Ehefrau und dem vereinsamten, sonst eher schweigsamen Witwer, der zurückgezogen lebt. Darin geht es um persönliche Sorgen, Nöte und Hoffnungen, aber auch um den modernen Wandel innerhalb der indischen Gesellschaft.

Gerade das altmodische Instrument des Briefeschreibens wird zum Gegenpol dieser schmerzlich empfundenen Veränderungen: „Ich glaube, wir vergessen Dinge, wenn wir niemandem davon erzählen können“, heißt es einmal über die bewahrende Funktion dieses schriftlichen Austauschs. Sinnlich, spannend und komplex inszeniert Ritesh Batra diesen Kreislauf der Briefe, in den die verschiedenen Leben der Protagonisten mit ihren jeweiligen Erinnerungen und Sehnsüchten assoziativ ineinanderfließen. Dabei bezieht der Regisseur mit dem Hilfsbuchhalter Shaikh (Nawazuddin Siddiqui), dessen offensiven Optimismus der in sich gekehrte, stets konzentriert agierende Saajan zunächst als allzu aufdringlich empfindet, noch eine dritte Figur mit ein, die unter einer schweren Familiengeschichte leidet. Sukzessive führen die zirkulären Bewegungen des Films die Handelnden aufeinander zu, ohne ihre inneren Verbindungen auch äußerlich miteinander zu verschmelzen. Eher geht es um die Kräfte und neugewonnenen Energien, die aus Missverständnissen und Fügungen resultieren. Der mehrfach zitierte Satz dazu lautet: „Manchmal fährt der falsche Zug zum richtigen Bahnhof.“

Benotung des Films :

Wolfgang Nierlin
Lunchbox
(Dabba)
Indien 2013 - 104 min.
Regie: Ritesh Batra - Drehbuch: Ritesh Batra - Produktion: ProduktionLydia Dean Pilcher, Guneet Monga, Arun Rangachari - Kamera: Michael Simmonds - Schnitt: John F. Lyons - Musik: Max Richter - Verleih: NFP - FSK: ohne Altersbeschränkung - Besetzung: Irrfan Khan, Nimrat Kaur, Bharati Achrekar, Denzil Smith
Kinostart (D): 21.11.2013

DVD-Starttermin (D): 28.05.2014

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt2350496/