Love Life – Liebe trifft Leben

(NL 2010; Regie: Reinout Oerlemans)

Defekte Welt

Die Sätze aus dem Off, in der Vergangenheitsform gesprochen, verheißen nichts Gutes: „In meiner Welt lief einmal alles perfekt. Ich hatte alles unter Kontrolle.“ Der erfolgreiche Werbefachmann Stijn (Barry Atsma) sagt sie, mit Blick aufs Meer, das im Gegenlicht flirrt. Der Anfang von etwas Neuem, von schweren Erinnerungen an das Vergangene überlagert, markiert den Beginn von Reinout Oerlemans in den Niederlanden äußerst erfolgreichem Film „Love Life“, der auf Raymond van de Klunderts autobiographischem Bestseller-Roman „Mitten ins Gesicht“ basiert. Die retrospektiven Worte aus einer Phase des Übergangs deuten also auf einen Riss, von dem Oerleman mit seinem Film im Folgenden erzählt.

Dieser geht durch die „perfekte“, aus extrem viel Wohlstand und noch mehr Spaß bestehende Welt von Stijn und Carmen (Carice van Houten), einem verheirateten Paar mit Kind, das nach dem Motto „carpe diem!“ lebt (was im Verlauf des Films eine Bedeutungsverschiebung erfährt). Ihr materialistischer Lebensstil spiegelt sich in der oberflächlichen Hochglanzästhetik des Films, der das echte Leben nur streift und in Klischees reproduziert. Zu diesen gehört auch Stijns notorisches Fremdgehen. Beruflicher und sexueller Erfolg gehen auf der Überholspur des Lebens offensichtlich Hand in Hand. Dass das nicht so bleiben kann, ist fast auch schon wieder ein Klischee (und gewissermaßen eine lebensanschauliche Problemstellung des Films), bezieht sich im vorliegenden Fall aber auf die bittere Wahrheit einer authentischen Geschichte.

Denn bei Carmen wird Brustkrebs diagnostiziert, was sie, die sich gar nicht krank fühlt, zunächst nicht glauben kann. Mit spielerischem Unernst und einer Portion Trotz klebt sie sich das Wort „perfekt“ auf die eine und das Wort „defekt“ auf die andere Brust. Doch die strapaziösen Therapien, die auf die schreckliche Diagnose folgen, stellen die Beziehung der beiden auf eine harte Belastungsprobe, die sich bis zur Ehekrise steigert. Die Einschränkung der alltäglichen Funktionstüchtigkeit, schmerzliche körperliche Veränderungen und die Entbehrung der gewohnten Lebensfreude machen aus der Erkrankten eine andere Frau und führen das Paar immer deutlicher in die Sprachlosigkeit. Stijn reagiert auf diese psychische Überforderung – in einem materialistischen Sinn – mit der Flucht in die Arme der Künstlerin Roos (Anna Drijver), was der Regisseur in starken, aber auch überzeichneten Kontrasten zuspitzt.

„Love Life“ behandelt ernste und wichtige Themen, zum Beispiel die Frage nach der Tragfähigkeit einer Liebesbeziehung im Angesicht des Todes, mit den falschen filmischen Mitteln. So fehlt den Bildern jene Distanz und Konzentration, die sie vom bloß Illustrativen zu einer Vertiefung führen könnten. Der zur Disposition stehende Materialismus des Sujets setzt sich gewissermaßen in dessen Bebilderung fort. Dabei ist Oerlemans Vertrauen in seine Bilder nicht besonders groß, denn fast jede Szene und vor allem auch die Übergänge zwischen ihnen sind zur „gefühlsmäßigen Einstimmung“ mit der thematisch passenden Musik zugekleistert. Erst im letzten Teil, wenn das Paar wieder zueinander findet und sich auf einen langen, qualvollen Abschied vorbereitet, gewinnt der Film an Intensität, gelingen ihm berührende Momente.

Benotung des Films :

Wolfgang Nierlin
Love Life - Liebe trifft Leben
(Komt een vrouw bij de dokter)
Niederlande 2010 - 105 min.
Regie: Reinout Oerlemans - Drehbuch: Gert Embrechts - Produktion: Hans de Weers , Reinout Oerlemans , Sim van Veen - Kamera: Lennert Hillege - Schnitt: Michiel Reichwein - Musik: Melcher Meirmans, Merlijn Snitker, Chrisnanne Wiegel - Verleih: Camino - FSK: ab 12 Jahre - Besetzung: Carice van Houten (Carmen), Anna Drijver (Roos), Barry Atsma (Stijn), Pierre Bokma (Hausarzt), Jeroen Willems (Frenk), Sacha Bulthuis (Dr. Scheltema)
Kinostart (D): 29.09.2011

DVD-Starttermin (D): 30.11.-0001

IMDB-Link: http://www.imdb.de/title/tt1365474/