Kaboom

(USA / F 2010; Regie: Gregg Araki)

Explosionen im Himmel

Der Biss in den Keks ist der Scheideweg im Leben Smiths, eines 19-jährigen metrosexuellen, zugleich introvertierten wie exzentrischen College-Studenten. War sein Leben schon vorher recht turbulent, so kommen nun die halluzinogenen Drogen noch hinzu, die nicht nur erweiterte Bewusstseinszustände hervorrufen, sondern auch ganz generell die letzten festen Realitätsanker seines emotischen Hirns herausreißen. Plötzlich dreht sich das Leben Smiths nicht mehr nur um die Frage, ob die Frisur sitzt, das T-Shirt sexy ist, und ob man heute Nacht mit einer Frau oder einem Typen im Bett landet – nein, plötzlich werden seine schlimmsten Alpträume wahr: Die drei Verfolger mit den Tiermasken werden Wirklichkeit und jagen ihn über den Campus. Als dann plötzlich auch noch eine Weltuntergangssekte auftaucht, ist das Chaos komplett.

Mit „Kaboom“ scheint Gregg Araki einen Nachklapp zu seiner in den 90ern vorgelegten Teenage Apocalypse-Trilogie („Totally Fucked Up“ (1993), „The Doom Generation“ (1995) und „Nowhere“ (1997)) nachzuschieben, der wie eine Parodie dieser exzessiven Pop- und Jugendkulturfilme erscheint. In „Kaboom“ ist alles knallbunt, trendy, orgasmuszentriert. Jede Figur ist Schablone und Seelenklempner zugleich, es sind Charaktere, die sich wie Satelliten im Smith’schen Orbit um den Protagonisten drehen. Es ist also die Überzeichnung, die diesen Film regiert, und die ihn auch zugleich so wunderbar leicht macht. Da stört es überhaupt nicht, dass jede Figur sexy ist, und schlagfertig, und promisk, und dass man am Nacktbadestrand nach spätestens einer Minute einen muskulösen Beau neben sich auf dem Handtuch liegen hat, der mit dem charmantesten Lächeln sich dazu anbietet, einem den Nachmittag zu versüßen.

Man mag einwenden, dass der Film mit seinem Sujet etwas veraltet wirkt. Auch die Musikauswahl, die sich auf mainstreamig-poppige Independentbands kapriziert, wirkt bemüht. Und seit Gaspar Noé mit „Enter the Void“ die Messlatte enorm hoch gehängt hat, sind auch trippige Drogen-Sequenzen nicht mehr so unproblematisch abzubilden – da wirkt Arakis Film durchaus etwas einfach und simpel gestrickt. Gutmeinende würden das als Stärke werten: da schlage der Trash-Appeal durch. Am Ende jedoch von „Kaboom“ lauert ein Finale, wie man es sonst nur von Takashi Miike kennt (ein Regisseur, der auf ebensolchen Grenzen wandelt). Ob das Zitat ist oder Hommage oder einfach ein fröhliches Hinüberwinken von jemandem, der macht, was er will, soll dahingestellt sein. Es unterstreicht die im positiven Sinne souveräne Leichtfertigkeit eines Filmemachers, der zwar keine besonders originelle Geschichte erzählt, diese aber mit dem richtigen Gespür für Overdrive auf nicht alltägliche Weise zu verpacken weiß und damit sein Publikum zu fesseln versteht.

„Kaboom“ atmet den leicht anarchischen Geist queerer Softsexfilme, die sich an ein jugendliches oder sich jugendlich fühlendes Publikum richten, und die sich nicht groß um Filmgeschichte scheren. Das ist in ihrer Eigenständigkeit, in ihrer frechen und direkten Art immer wieder sehenswert, und wenn ein Film wie „Kaboom“ dann tatsächlich wie im Flug vorübergeht, dann hat er schon auch Einiges richtig gemacht.

Benotung des Films :

Michael Schleeh
Kaboom
(Kaboom)
USA / Frankreich 2010 - 86 min.
Regie: Gregg Araki - Drehbuch: Gregg Araki - Produktion: Gregg Araki - Kamera: Sandra Valde-Hansen - Schnitt: Gregg Araki - Musik: Robin Guthrie, Vivek Maddala, Mark Peters, Ulrich Schnauss - Verleih: Edition Salzgeber - FSK: ab 16 - Besetzung: Thomas Dekker, Haley Bennett, Chris Zylka, Roxane Mesquida, Juno Temple, Andy Fischer-Price, Kelly Lynch, Brennan Mejia, Jason Olive, James Duval
Kinostart (D): 16.06.2011

DVD-Starttermin (D): 30.11.-0001

IMDB-Link: http://www.imdb.de/title/tt1523483/maindetails