Jeder stirbt für sich allein

(D/F/GB 2016; Regie: Vincent Pérez)

Too much

Hans Fallada schrieb seinen Roman 1946. Über die kleinen Leute im Berlin sechs Jahre zuvor. Sechzig Jahre später macht die widerständige Moral Furore in Israel, den USA und in England. Dort kam das Buch auf die Bestsellerlisten. Und jetzt ist der Film zu sehen. Auf dem internationalen Level, aber gedreht in Deutschland: ein bisschen in Berlin, ganz viel in Görlitz. Brendan Gleeson als Werkmeister, Emma Thomson als Ehefrau und beide in einem Mietshaus, das getreulich die Welt von damals widerspiegelt. Von der versteckten Jüdin bis zum fanatischen Nazi, vom Richter a. D. bis zur harmlosen Oma. Zwischen ihnen als Arbeiter Brendan und Mutter Emma mit ihrer politischen Heimlichkeit. In den Treppenhäusern ringsumher legen sie Postkarten aus, die zum Widerstand aufrufen. „Tötet Hitler“ lautet die moralische Botschaft. Und die Botschaft des Romans und eben jetzt auch des Films war und ist: Nicht alle Deutsche waren Nazis.

Okay – aber. Es ist der hohe, ja perfekte Stand des Filmhandwerks, das den Film allzu zudringlich macht. Wenn die Stars dezidiert sprechen und jeder Satz nachhallt, ja dann kann man ihn sich sicherlich besser merken. Auch dürfte die Synchronisation des Guten zuviel gemacht haben. Dass die Mimik der Schauspieler sich die ganze Zeit kaum verändert, mag sich ja der Regisseur einfallen haben lassen. Es würde der traurigen Stimmung des Filmwerks entsprechen. Dass aber von Anfang an eine tragische Musik dem Zuschauer vorgibt, wie er sich zu verhalten hat … – Es ist von allem too much, um es auf deutsch zu sagen.

Gut, es gibt auf allen Ebenen Topleistungen des Filmteams. Mit viel Liebe kommt in jeder Outdoor-Einstellung ein Oldtimer um die Ecke gefahren oder ein Bus oder – da schon wieder! – ein Zug aus dem Straßenbahnmuseum. Was? Die Tram fährt links? Na, das ist ein Hingucker.

Stopp! Ich will mich über den Film nicht lustig machen. Es gibt ja noch andere Zuschauer außer mir. „Jeder stirbt für sich allein“ ist wichtig und sozialpädagogisch wertvoll, und außerdem wird der Nazibulle, der die beiden kleinen Leute zur Strecke bringt, schließlich bekehrt. Auch er leistet Widerstand. Wer das ist? Ein Deutscher, Daniel Brühl.

Dieser Text erschien zuerst in: Konkret

Jeder stirbt für sich allein
(Alone in Berlin)
Deutschland / Frankreich / Großbritannien 2016 - 103 min.
Regie: Vincent Pérez - Drehbuch: Hans Fallada, Vincent Perez, Achim von Borries, Bettine von Borries - Produktion: Stefan Arndt, Christian Grass, Marco Pacchioni, James Schamus, Uwe Schott, Paul Trijbits - Kamera: Christophe Beaucarne - Schnitt: François Gedigier - Verleih: X-Filme - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Emma Thompson, Brendan Gleeson, Daniel Brühl, Mikael Persbrandt, Katharina Schüttler, Louis Hofmann, Uwe Preuss, Godehard Giese, Jacob Matschenz, Ernst Stötzner, Hildegard Schroedter, Lars Rudolph, Imogen Kogge, Holger Handtke, Katharina Abt
Kinostart (D): 17.11.2016

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt3026488/
Foto: © X-Filme