Im Rausch der Sterne

(USA 2015; Regie: John Wells)

Kochen ohne Appetit

Ohne Frage begeistern Kochshows im Fernsehen noch immer eine gewisse Zuschauerklientel. Auch für die Leinwand konnten in der Vergangenheit Stoffe rund ums Kochen und Genießen erfolgreich umgesetzt werden, etwa in Ang Lees Klassiker „Eat Drink Man Woman“, in Nora Ephrons „Julie & Julia“ mit Meryl Streep in der Verkörperung von Julia Child oder in Jon Favreaus „Kiss the Cook“. Was also kann ein Film über die virtuose Zubereitung von Speisen jetzt noch erzählen, da der Bedarf in der westlichen Welt bereits buchstäblich gesättigt scheint von Kochsendungen, Gourmet-Food an jeder Ecke, DIY-Magazinen, -Blogs und Kochkursen in der Freizeit?

In John Wells‘ „Im Rausch der Sterne“ muss mal wieder die alternativlose Darstellung einer harten Leistungsgesellschaft herhalten, die sich kennzeichnet durch Stress und Druck von allen Seiten. Als berühmtberüchtigter Sternekoch brüllt Bradley Cooper seine Küchencrew an, wohl weil er insgeheim Angst vorm Scheitern hat. Vielleicht aber auch davor, als einsamer Wolf seinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht zu werden. Sein Ziel: ein dritter Michelin-Stern. In diesem künstlich erzeugten Überdruck, in schnellster Zeit die besten Menüs zuzubereiten, ist keine Leidenschaft für das Kochen erkennbar, kein Appetit für den eigenen Job. Ausgebrannt ist dementsprechend die Crew, und auch Cooper selbst ist einem Burn-Out nie ganz fern.

Passenderweise lautet der Originaltitel des Films „Burnt“. Angebranntes schmeckt nicht mehr, weil es zu lange auf dem Herd stand – Cooper in seiner Rolle des Adam Jones stand definitiv zu lange am Herd. So lange, dass er sich selbst nach getaner Arbeit dem familiären Team-Essen in der Küche als Einziger entzieht. Jones isst nichts. Überhaupt ist er besessen von der Idee, auch bei den Gästen mit jedem Happen einen neuen „kulinarischen Orgasmus zu erzeugen, so dass sie ganz und gar aufhören zu essen“. Der wohl eindringlichste Satz des Films, der zugleich zeugt von der Luxus- und Lifestyle-Attitüde, die sich durch den gesamten Film zieht.

Der deutsche Verleihtitel hingegen bezieht sich eher auf die Sucht nach dem kurzlebigen Rausch beim Erfolg, einen weiteren Michelin-Stern erhalten zu haben. Weil das Ziel, wie so oft im Hollywoodkino, so klar formuliert ist und zudem nur eine Lösung in Aussicht gestellt wird, überrascht die Handlung maximal an einer Stelle. Dieses zudem nicht gänzlich unerwartete Ereignis hat aber keinerlei Auswirkungen auf die Handlung. Inhaltlich ein schwer enttäuschender Film.

Was man dem Film neben der passenden Titelwahl noch anrechnen muss, ist die Tatsache, dass er seine eigenen Ängste, einem gewissen Erfolgsdruck gerecht werden zu müssen, nicht verbirgt. Er stellt sie regelrecht aus: In einem rasanten Tempo wird Jones eingeführt: nach Drogenexzessen, wie es sich für einen Künstler ziemt, am Tiefpunkt seiner Karriere angekommen, trommelt er in einer neuen Stadt (London in satten Panoramen) alte Weggefährten zusammen, Bekannte aus Paris, die ihm dabei helfen sollen, eine Gourmet-Küche im Hotel eines Freundes zu etablieren. Neben dieser hektisch abgekürzten, da altbekannten Helfersuche des Hollywoodfilms soll ein Mix aus europäischen und US-amerikanischen Stars die Kinozuschauer_innen überzeugen. Neben Cooper treten Omar Sy, Uma Thurman und Daniel Brühl auf. Letztgenannter hat eine erwähnenswerte, da zurückgenommene Rolle als Hotelchef Tony, der einst verliebt war in Jones und ihn daher unterstützt und fördert. Seine Homosexualität wird erstaunlich nebensächlich verhandelt, wie man es sich öfter wünschen würde.

Das Problem bei all dem Staraufgebot ist wie beim Kochen die falsche Dosierung: 95 Minuten Cooper, eine Minute Thurman. Das schmeckt unausgewogen. Sienna Millers Rolle, die als Sous-Chefin Helene die einzige Frau in Jones‘ Team ist, wurde abgestellt, um Jones‘ Liebesinteresse zu wecken. Helene ist überhaupt die einzige Figur mit einem Privatleben, aber auch nur, weil sie alleinerziehende Mutter ist. Aber auch in den kurz eingestreuten Szenen von Mutter und Tochter springt der Funke nicht über auf die Zuschauer_innen. Wenig psychologische Tiefe, eine vorhersehbare Story, viel Pfannenbrutzeln und ein Misanthrop als unsympathische Hauptfigur, die sich selbst am meisten hasst. Das ist zu wenig.

Was dem Film zugutekommt, sind die erwartbaren Food-Porn-Aufnahmen mit Schärfeverlagerungen in Detailaufnahmen und Emma Thompson, die als Therapeutin von Jones auftritt und ihm jedes Mal eine Spritze in den Arm jagen darf. Ist sich der Film unsicher, quetscht er schnell ein, zwei Detailaufnahmen des Anrichtens ein und ein weiteres ausgefallenes Outfit, in dem Emma Thompson auftritt. Retten kann er sich damit aber keineswegs.

Der Film beginnt mit einer verschlossenen Auster, die es zu öffnen gilt. „Im Rausch der Sterne“ ist es leider nicht gelungen, sich selbst zu öffnen, auch Jones bleibt hinter seiner arroganten Fassade ungreifbar, seine Entwicklung innerhalb der Filmnarration tritt nicht deutlich genug zum Vorschein. Vermutlich verdeckt vom Rauch der Kochtöpfe.

Benotung des Films :

Aileen Pinkert
Im Rausch der Sterne
(Burnt)
USA 2015 - 102 min.
Regie: John Wells - Drehbuch: Steven Knight, Michael Kalesniko - Produktion: Michael Shamberg, Stacey Sher, Erwin Stoff - Kamera: Adriano Goldman - Schnitt: Nick Moore - Musik: Rob Simonsen - Verleih: Wild Bunch - FSK: ab 6 Jahren - Besetzung: Alicia Vikander, Bradley Cooper, Lily James, Sienna Miller, Uma Thurman, Emma Thompson, Daniel Brühl, Omar Sy, Sarah Greene, Matthew Rhys, Richard Rankin, Chelsea Li, Sam Keeley, Riccardo Scamarcio, Erica Emm
Kinostart (D): 03.12.2015

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt2503944/
Foto: © Wild Bunch Germany