Hungerjahre – in einem reichen Land

(D 1980; Regie: Jutta Brückner)

Wachsende Versteinerungen

Die Stimmen der Erinnerung kommen aus dem Off und erzählen vom eigenen nicht gelebten, verschobenen oder versäumten Leben, vom Verdrängten und Versteinerten. Die Filmemacherin Jutta Brückner, geboren 1941, spricht in ihren autobiographischen Filmen offen und genau von sich selbst und von ihrer Mutter, von den Ablagerungen der Geschichte in den Körpern und Seelen der Frauen, von unbewusst tradierten Verhaltensmustern, vom entfremdeten eigenen Körper und einer allmählicher Bewusstwerdung. In ihrem ersten Spielfilm „Hungerjahre – in einem reichen Land“ (1980), „der subjektiven Trauerarbeit einer Tochter“, ringt Brückners Alter Ego Ursula Scheuner (Britta Pohland) gegen das lähmende Vergessen um einen Selbstbezug. 1953 ist das sensible, intelligente Mädchen 13 Jahre alt und eben mit ihren Eltern in eine neue Wohnung gezogen. Die Verhältnisse sind beengt, wie ein langsamer Schwenk über die lange, graue Hausfassade mit ihren vielen (anonymen) Fenstern zeigt.

Ihre erste Menstruation ist für Ursula ein traumatisches Erlebnis. Zwischen der Abwehr ihrer eigenen körperlichen Veränderung und der verdrängten Sexualität der Elterngeneration erfährt sie zudem, dass Frauen nicht dürfen, was für Männer selbstverständlich scheint. Ursulas ängstliche, aber ehrgeizige Mutter Gerda, selbst gezeichnet von einer verlorenen Jugend, isoliert fortan ihre Tochter von Gleichaltrigen, reglementiert ihren Aktionsradius und straft mit Verboten. Die im Berichtszeitraum bis 1956 zur jungen Frau heranreifende Ursula versinkt „auf der Flucht vor Blicken und Worten“ zunehmend in einer Depression. Sie verliert Lust und Interesse an der Schule, ergibt sich Fressattacken, verletzt sich selbst, verwahrlost. „Ich fühle mich überflüssig“, sagt Ursula aus der Retrospektive. Ihre Mutter reagiert mit Unverständnis. Und ihr Vater, der während der Nazi-Diktatur Mitglied der Freien Proletarischen Jugend war, von diesem Mythos zehrt und dem gestohlenen Leben nachtrauert, bleibt für sie irgendwie unerreichbar.

Jutta Brückner verschränkt ihre in Schwarzweiß gedrehte, kammerspielartige Adoleszenzgeschichte immer wieder aufschlussreich mit zeitgeschichtlichen Dokumenten, etwa dem Arbeiteraufstand vom 17. Juni 1953, der Einführung der Wehrpflicht, dem von heftigen Demonstrationen begleiteten KPD-Verbot oder auch einer fast ausschließlich unter Männerblicken stattfindenden Miss World-Wahl. Die Kontinuität der Geschichte resultiert in ihrem nüchternen Film aus einer komplexen Dialektik zwischen Öffentlichem und Privatem, zwischen Außen und Innen. „Wie konnte man innen und außen gleichzeitig leben?“, ist dann auch die zentrale Frage in „Hungerjahre“, der mit distanzierenden statt mit dramatisierenden Mitteln gemacht ist. Das Statische und Verfremdende darin spiegelt insofern nicht nur die „wachsende Versteinerung“ einer jungen Frau, sondern auch den bleiernen Stillstand einer ganzen Gesellschaft. „Ich wollte, dass der Film vollkommen anders wird. Ich wollte, dass er ‚von jenseits‘ kommt“, hat die Regisseurin über die „asketische Strenge“ ihres Films gesagt.

Eng verknüpft sind die darin beschriebenen seelischen und gesellschaftlichen „Hungerjahre“ mit Brückners erstem, 1975 entstandenem (und der DVD nebst einem umfangreichen PDF-Booklet beigegebenem) Dokumentarfilm „Tue recht und scheue niemand – Das Leben der Gerda Siepebrink“, der das „versäumte“, angsterfüllte Leben ihrer Mutter erzählt. „Wie man leben sollte, weiß man, wenn es vorbei ist“, sagt diese zu Beginn der aus historischen Fotografien und Selbstzeugnissen zusammengesetzten Biographie. Entlang der Zeitläufte entfaltet sich diese zwischen 1922 und 1975 in einem kleinbürgerlichen, von vielen Entbehrungen und Nöten gekennzeichneten Milieu. Indem Jutta Brückner mit quasi objektiven Mitteln eine subjektive Erzählung vergegenwärtigt, legt der – dem Fotografen August Sander gewidmete – „Foto-Film“ psychische und gesellschaftlich tradierte Muster individueller Versteinerung offen. In „Hungerjahre“ werden diese dann ganz innerlich und treiben die junge Heldin schließlich in eine geflüsterte Litanei aus Aufbegehren und Selbstdestruktion: „Die Kälte zerstören, den Panzer zerbrechen, im Schmerz zergehen“, deklamiert Ursula, während sie sich mit der Spitze des Zirkels unter die Haut fährt.

Benotung des Films :

Wolfgang Nierlin
Hungerjahre - in einem reichen Land
Deutschland 1980 - 114 min.
Regie: Jutta Brückner - Drehbuch: Jutta Brückner - Produktion: Jutta Brückner - Kamera: Jörg Jeshel - Schnitt: Anneliese Krigar - Musik: Johannes Schmölling - Verleih: absolut Medien GmbH - Besetzung: Britta Pohland, Sylvia Ulrich, Claus Jurichs, Heidi Joschko, Viola Recklies, Ismail Madhu
DVD-Starttermin (D): 03.02.2017

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt0080906/
Link zum Verleih: https://www.absolutmedien.de/film/7019/HUNGERJAHRE
Foto: © absolut Medien GmbH