Fritz Lang

(D 2015; Regie: Gordian Maugg)

Der andere in uns

Am Anfang von Gordian Mauggs vielschichtigem Künstlerportrait „Fritz Lang“ steht gleich in mehrfacher Hinsicht die Krise: Die Goldenen Zwanziger neigen sich mit der heraufziehenden Weltwirtschaftskrise ihrem Ende zu, die Weimarer Republik befindet sich durch das Erstarken der Nationalsozialisten in einer gravierenden politischen Umbruchphase, der Stummfilm muss dem Tonfilm weichen und inmitten von allem ringt der Filmregisseur Fritz Lang um einen neuen Stoff. Eben noch hat sich der leicht überhebliche Lebemann in Damengesellschaft über das Aufkommen des Tonfilms und seinen renommierten Kollegen G. W. Pabst lustig gemacht, doch schon bald wird er mit „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ selbst seinen ersten „sprechenden Film“ realisieren. Wie es zu diesem „Tatsachenfilm“ gekommen sein könnte und wie sich dafür „die Bilder in ihm formten“, darüber erzählt und spekuliert Maugg auf gewagt Weise in seinem „Gegenfilm“ „Fritz Lang“, mit dem er zugleich einen „Blick in die Ideenwerkstatt des Regisseurs“ wirft.

Als „falschen Weg“ bezeichnet Fritz Lang, der von Heino Ferch als ebenso starke wie verletzte Künstlerpersönlichkeit verkörpert wird, sein bisheriges Werk. Die Gigantomanie seines Films „Metropolis“ (1927) mit all den „Menschenmassen und Maschinen“ will er hinter sich lassen, um den (einzelnen) Menschen ins Zentrum seiner Arbeit zu stellen. Und diesen findet er eines Morgens nach durchzechter Nacht – Lang trinkt, kokst und besucht Prostituierte – auf der Titelseite der Berliner Zeitung in dem Serienmörder Peter Kürten, der als „Vampir von Düsseldorf“ mit seinen grausamen Taten eine ganze Stadt in Angst und Schrecken versetzt; und damit auch auf die Polizei einen erheblichen Fahndungsdruck ausübt. Überstürzt bricht Lang nach Düsseldorf auf, um neben und im Austausch mit dem legendären Kriminalrat Ernst Gennat (Thomas Thieme als cleverer Fuchs ) eigene Ermittlungen über den als „entartete Kreatur“ und „Bestie in Menschgestalt“ apostrophierten Kürten (Samuel Finzi mit dämonischer Kälte) anzustellen.

„Was fühlt der Täter bei seinen Taten?“, fragt Lang einmal in einer Mischung aus Schrecken, Faszination und Identifikation. Und was, so fragt gewissermaßen Maugg mit seinem Film, hat Langs akribisches Interesse an dem Frauen- und Kindermörder mit seinem eigenen Leben zu tun? Zugespitzt formuliert: Wie viel von Lang steckt in „M“?

Auf der filmischen Ebene beantwortet der im Umgang mit historischen Stoffen vertraute Gordian Maugg diese Frage, indem er die Realität, die Imaginationen und Erinnerungen seines Titelhelden unentwegt mischt und damit eine zwischen Wirklichkeit und Traum changierende Atmosphäre erzeugt. Dabei arbeitet er in die von Lutz Reitemeier aufgenommenen schwarzweißen Bilder auf versierte Weise immer wieder historisches Material aus unterschiedlichen Quellen ein. Das erzeugt augenblicklich eine merkwürdige Gegenwart des Vergangenen und ein flüchtiges Gefühl für eine ferne Epoche. Wobei Maugg hier nicht nur illustrativ arbeitet, sondern mit den historischen Aufnahmen die Handlung ergänzt und bereichert; in den besten Momenten, etwa einer an den russischen Revolutionsfilm erinnernden assoziativen Montagesequenz, transzendiert er zudem das Themenspektrum seines Films in etwas allgemein Existentielles.

Auf der inhaltlichen Ebene ist Fritz Lang dementsprechend dem Teil- und Mitteilbaren auf der Spur. Indem er recherchierend versucht, die von Kürten aus Rache für erlittene Misshandlungen begangenen Taten äußerlich nachzuvollziehen und zu verstehen, nähert er sich zugleich immer deutlicher seinem eigenen inneren Wesen. Dieses wird verdunkelt vom unaufgeklärten Tod seiner ersten Frau Elisabeth Rosentahl (Lisa Charlotte Friederich, die auch die Figur der Anna Kohn spielt, in einer bemerkenswerten Doppelrolle), bei dem Lang unter Mordverdacht gerät, traumatischen Kriegerlebnissen, einem schwierigen Verhältnis zum Vater und Schuldgefühlen gegenüber der Mutter. In kurzen, intensiven Flashs werden diese Erfahrungen vergegenwärtigt und nicht zuletzt visuell mit Kürtens Taten, die dieser im Verhör emotionslos schildert enggeführt. Diese gewagte Parallelisierung kulminiert schließlich in Langs Bekenntnis, er habe selbst gemordet. (Zumindest) Gordian Mauggs Fritz Lang findet also in der Widerspiegelung des Eigenen im Gegenüber seine Inspirationsquelle für „M“; ein Strukturprinzip, das im Grunde auch für den Film „Fritz Lang“ selbst gilt. Vermutlich lautet deshalb sein nachträglich hinzugefügter Untertitel „Der andere in uns“.

Benotung des Films :

Wolfgang Nierlin
Fritz Lang
(Fritz Lang)
Deutschland 2015 - 104 min.
Regie: Gordian Maugg - Drehbuch: Gordian Maugg, Alexander Häusser - Produktion: Nicole Ringhut - Kamera: Lutz Reitemeier, Moritz Anton - Schnitt: Florentine Bruck, Olivia Retzer - Musik: Tobias Wagner - Verleih: W-Film Distribution - Besetzung: Heinor Ferch, Thomas Thieme, Samuel Finzi, Johanna Gastdorf, Lisa Charlotte Friederich, Max von Pufendorf
Kinostart (D): 14.04.2016

DVD-Starttermin (D): 21.10.2016

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt5520618/
Link zum Verleih: http://www.wfilm.de/
Foto: © W-Film Distribution