Ewige Jugend

(I / F / GB 2015; Regie: Paolo Sorrentino)

Sehnsüchtige Statisten im Theater des Lebens

Schon vor knapp hundert Jahren diente die Jugendstil-Anlage des damaligen Sanatoriums Schatzalp im Schweizerischen Davos als Schauplatz für Thomas Manns Roman „Der Zauberberg“. In Paolo Sorrentinos neuem Film „Ewige Jugend“ („Youth“), einer ebenso phantasievollen wie bildgewaltigen, melancholischen wie hoffnungsvollen Meditation über die vergehende Zeit versammeln sich an diesem geschichts- und mythenträchtigen Ort, der jetzt ein Kurhotel birgt, allerlei skurrile Figuren. Die Flüchtigkeit ihrer Begegnungen, ihr Kommen und Gehen ähneln dem Auf- und Abtreten auf einer Theaterbühne, die hier zur Bühne des Lebens wird; oder, gemäß dem Eingangsmotiv, einer Drehscheibe, die sich in eine fellinieske Revue der Phantasien und Träume verwandelt und auf der sich Künstler und Reiche, Schöne und Gebrechliche um sich selbst und zugleich vor Publikum drehen. Als modernes Wellness-Hotel erleben die Kurgäste, durch Massagen, Bäder und Fangopackungen gestützt, eine Pflege von Körper und Seele. Das entlegene Hotel in den Alpen ist aber auch ein sehr spezielles Refugium, wo Weltflüchtige ihren Erinnerungen und Reflexionen nachhängen.

Zu ihnen gehört der 80-jährige Dirigent und Komponist Fred Ballinger (Michael Caine), der sich im Ruhestand befindet und seit zwanzig Jahren diesen Ort aufsucht. Der alte, prinzipientreue Maestro ist ein entschieden wirkender, sehr nüchterner Rationalist, der dem um einen Auftritt ersuchenden Gesandten der Queen eine strikte Absage erteilt und ansonsten gelangweilt und mit milder Altersweisheit die schillernden Figuren seiner Umgebung betrachtet. Er, der immer nur für seine Musik gelebt hat, war ein schlechter Ehemann und Familienvater. Seine Tochter und Managerin Lena (Rachel Weisz), die eine Ehekrise durchleidet, wirft ihm das in einer sehr bitteren Szene einmal vor, in der Sorrentino die beiden wie aufgebahrte Tote zeigt. Befreundet ist Ballinger mit dem Filmregisseur und Drehbuchautor Mick Boyle (Harvey Keitel), der zusammen mit einer Gruppe junger Autoren in schöner Intimität an seinem Film-Vermächtnis „Des Lebens letzter Tag“ arbeitet. Daneben begegnet Ballinger immer wieder dem Schauspieler Jimmy Tree (Paul Dano), einem stillen Beobachter und Novalis-Leser, der über ein neues Projekt nachdenkt und die lebendig machende Sehnsucht als sein Thema erkennt.

„Wir sind alle nur Statisten“, bricht es einmal aus Boyle heraus: „Emotionen sind alles, was wir haben.“ Bevölkert wird diese Theaterbühne des Lebens unter anderen von einem erst meditierenden, dann schwebenden Mönch in rotem Gewand, einer ebenso schönen wie intelligenten Miss Universum, einem ehemaligen südamerikanischen Fußballstar mit Karl Marx-Rückentatoo, einem schweigenden Ehepaar und einer jungen Masseurin, die gerne tanzt und nebenbei die Erkenntnis lehrt, dass Begreifen essentiell mit Anfassen zu tun hat.

In fließenden, raumgreifenden Bewegungen sowie teils abrupten Szenewechseln inszeniert Meisterregisseur Paolo Sorrentino ein Panoptikum vergänglicher Schönheit, nichtiger Dinge und verlorener Erinnerungen. Einmal verdichtet sich zu Klängen einer Opern-Arie die balletthafte Prozession nackter, alternder Körper zu einem filmischen Tableau über die Zeitlichkeit des Daseins. Zugleich beschwört Sorrentino in opulenten Bildern und surreal-rätselhaften Traumsequenzen auf großartige Weise die Kraft der Freiheit und das Glück der Sehnsucht. Kuhglocken und Kuckucksuhren machen Musik, die nackte Miss Universum verwandelt das Heilbad der alten Männer in ein betörendes Idyll und bezaubert mit dem „Duft der Freiheit“. Sich in der Nachfolge Strawinskys ganz antiintellektuell „Unbeschwertheit erlauben“, steht als Erkenntnis des alten Ballinger über Sorrentinos herausragendem Kinofilm, der überdies mit ironisch-witzigen Dialogen aufwartet und von einem hinreißend originellen Soundtrack musikalisch beflügelt wird. Damit verknüpft ist jenes gelassene Vertrauen ins Eigene, das Jimmy Tree einmal mit einem Novalis-Zitat aufruft: „Wo gehen wir denn hin? Immer nach Hause.“

Benotung des Films :

Wolfgang Nierlin
Ewige Jugend
(Youth)
Italien / Frankreich / Großbritannien 2015 - 118 min.
Regie: Paolo Sorrentino - Drehbuch: Paolo Sorrentino - Produktion: Carlotta Calori, Francesca Cima, Nicola Giuliano - Kamera: Luca Bigazzi - Schnitt: Cristiano Travaglioli - Musik: David Lang - Verleih: Wild Bunch - FSK: ab 6 Jahren - Besetzung: Rachel Weisz, Paul Dano, Michael Caine, Jane Fonda, Harvey Keitel, Poppy Corby-Tuech, Neve Gachev, Alex MacQueen, Tom Lipinski, Ed Stoppard, Madalina Diana Ghenea, Emilia Jones, Veronika Dash, Chloe Pirrie, Josie Taylor
Kinostart (D): 26.11.2015

DVD-Starttermin (D): 01.04.2016

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt3312830/