Dreckskerle

(F 2013; Regie: Claire Denis)

Durchgehend dunkel

Es ist Nacht und es gießt in Strömen. Eine Regenwand aus prasselnden Wassertropfen, gebrochen von schwachen Lichtreflexen, füllt die Leinwand. In der Naheinstellung wirkt dieses Bild fast abstrakt und erzeugt graphische Muster. Doch das Konkrete verflüssigt sich nicht ganz, sondern fließt in Wassermassen von den Hauswänden, als handelte es sich um Sturzbäche, die alles mit sich fortreißen oder wegspülen. Allerdings folgt auf die Vision der Reinigung in Claire Denis‘ aktuellem Film „Les salauds – Dreckskerle“ ein Abstieg in die Hölle aus Schuld und Rache, sexueller Gier und Ausbeutung. Die fast durchgehende Dunkelheit der Bilder hat auch die Seelen der Protagonisten verfinstert. „Alles ist außer Kontrolle“, wird an späterer Stelle einmal eine der Leidtragenden sagen, um das Geflecht aus finanziellem Ruin, einem allgemeinen Werteverlust und moralischem Verfall zu beschreiben.

Ein verzweifelter und hoch verschuldeter Schuhfabrikant hat sich in den Tod gestürzt. Mit verlorenem Blick verlässt seine Witwe Sandra (Julie Bataille) den Schauplatz des Schreckens. Sie weiß nicht, wie es weitergehen soll; zumal ihre Tochter Justine (Lola Créton) als stummes Opfer sexueller Gewalt an Körper und Seele zerstört ist. In dieser schmerzlichen Situation kommt Sandras Bruder Marco Silvestri (Vincent Lindon) zur Hilfe, der sich früh von den Familiengeschäften losgesagt hat, um ein „anderes Leben“ als Frachtschiffkapitän zu führen. Der geschiedene Familienvater ist ein unabhängiger Geist, ein Mensch mit Prinzipien und ein sehr männlicher Melancholiker. Jetzt wird er in die alten, einst verlassenen Strukturen zurück gezwungen, begleicht mit seinen spärlichen Mitteln die Schulden der Schwester und bewohnt eine leere Pariser Wohnung, um dem mutmaßlichen Hauptschuldigen des Desasters aufzulauern. Édouarte Laporte (Michel Subor) ist ein von Machtgier und sexueller Geilheit getriebener Geschäftemacher, dessen Frau Raphaëlle (Chiara Mastroianni) wie eine Gefangene lebt. Mit eben dieser beginnt Marco Silvestri ein Verhältnis.

Doch Claire Denis‘ moderne Erzählkunst ist einmal mehr weniger linear, als das hier erscheint. Die bedeutende französische Regisseurin fragmentiert die Handlung, lässt vieles offen oder nur angedeutet und schafft gerade dadurch einen verzweigten Raum für Ergänzungen und Interpretationen. Oft werden nicht die Ereignisse selbst gezeigt, sondern ihre Wirkungen, aus denen sich dann nach und nach vielschichtige Zusammenhänge entwickeln. Immer wieder auch lenkt Claire Denis den Blick auf Details, auf Gegenstände und Gesten und entfaltet durch diese Intimität eine Art symbolische Spannung, die mit der düsteren Atmosphäre des Films verschmilzt und die zugleich in Kontrast tritt zu einem Realismus, der weder den Traum noch das Spekulative scheut. Unterstütz von einem beeindruckend starken Schauspielerensemble, den kongenialen Körperbildern der Kamerafrau Agnès Godard und dem atmosphärischen Soundtrack der Tindersticks ist Claire Denis ein kompromisslos desillusionierender Film über das Scheitern gelungen, dem fast alle Hoffnung ausgetrieben ist.

Benotung des Films :

Wolfgang Nierlin
Dreckskerle
(Les salauds)
Frankreich 2013 - 100 min.
Regie: Claire Denis - Drehbuch: Claire Denis, Jean-Pol Fargeau - Produktion: Brahim Chioua, Laurence Clerc, Christoph Friedel, Vincent Maraval, Claudia Steffen, Olivier Théry-Lapiney - Kamera: Agnès Godard - Schnitt: Annette Dutertre - Musik: Stuart Staples - Verleih: Real Fiction - FSK: ab 16 Jahren - Besetzung: Vincent Lindon, Chiara Mastroianni, Isolda Dychauk, Lola Créton, Grégoire Colin, Hélène Fillières, Alex Descas, Julie Bataille, Michel Subor, Christophe Miossec
Kinostart (D): 26.12.2013

DVD-Starttermin (D): 30.11.-0001

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt2821088/