Der Vulkan

(D / F 1998; Regie: Ottokar Runze)

Alle in einem Boot

Den gleichnamigen Roman über deutsche Emigranten der dreißiger Jahre hatte Klaus Mann 1939 in den USA geschrieben. Wie verfilmt man ein antifaschistisches Buch, in dem Krieg und Holocaust nicht vorkommen? Der verdiente Regisseur Ottokar Runze, 74, hatte ein Jahrzehnt zuvor in der Vorabendserie »Tagliatelle/Frikandelle« die Faschisierung des Alltags als beängstigenden Prozess beschrieben; die Serie griff in den TV-Alltag des Zuschauers ein; sie wurde abgebrochen. Das Fernsehspiel »Der Vulkan« verstößt nicht mehr gegen TV-Akzeptanz. Keine Angst! Der Kostümfilm ist üppig ausgestattet; es ist eine Freude, die Mode der dreißiger Jahre in angenehm nostalgischer Atmosphäre zu sehen. Zürich, Paris, Wien, Prag: eine elegante Welt, der Mann trug zum Schillerkragen einen Hut. Einen Stetson? Ich muss dem nachgehen. Von Metropole zu Metropole nahm man die Museumsdampfbahn, blitzsauber, zum Anfassen; wenn die Lok seitwärts dampft, verschwindet die Heldin aus der Szene, Schnitt! Die schönen bunten Bilder versetzen uns in die gute alte Zeit; die Senioren werden feuchte Augen bekommen.

Für das »Widerstand leisten« ist der Dialog zuständig. Wir hören: »Ich bin jetzt in Wien.« Oder: »Wie wunderbar, in Paris zu sein.« Oder: »Ja, ich bin es, Mutter Schwalbe.« Schnell noch ein Beispiel für Rede/Gegenrede: »Sie übersetzt Schopenhauer.« – »Alle Achtung.«

Wir sind nun vorbereitet auf große Worte. Was ist Faschismus? »Faschismus ist Aggression, Diebstahl und Gewalt.« Ist das die Krise unseres Jahrhunderts? Nein: »Die Krise dieses Jahrhunderts ist die Krise der großen Worte.« Und was sind die Faschisten? Das sagt das Couplet: »Kleine Leute, kleine Leute, kleine Leute, kleine Leute«. Darauf brauchen wir uns keinen Vers zu machen, weil wir aufpassen müssen, die Handlungsfäden in der Hand zu behalten. Der Film springt wie in einer Fernsehserie von einem Minidrama zum nächsten und zurück. Aber bevor wir uns weiter mokieren: Finden wir das Serielle nicht schon in Klaus Manns Roman? Wohlan, wir kommen zum zentralen Einwand gegen Runzes Film: Ihm fehlt das Zentrum. Zwischen Bilderseligkeit und merkwürdigen Merksätzen ist schlechterdings nichts, noch nicht einmal das nichtende Nichts von Alleachtungschopenhauer. Dem Film fehlt die persönliche Handschrift eines Autors, dem man auch die Unzulänglichkeiten glaubt und grade die, das Klägliche, Schmerzhafte, das Versagen, die Hoffnung, den Widerstand in der Emigration. Und das Zeitgebundene des Jahres 1939.

Auf den letzten Filmmetern hat Runze eine Botschaft untergebracht, die sich eher an die Ehemaligen unter unseren Senioren richtet. Da lesen wir, dass der Film all jenen gewidmet ist, die aus ihrer Heimat vertrieben worden seien. Aufgemerkt, ihr Vertriebenenverbände, Sudetendeutsche, Albaner und Serben: Der Koproduzent des Fernsehspiels möchte euch alle haben. ZDF und Canal+ freuen sich auf eure Akzeptanz!

Dieser Text erschien zuerst in: Konkret 10/1999

Der Vulkan
(Der Vulkan)
Deutschland / Frankreich 1998 - 103 min.
Regie: Ottokar Runze - Drehbuch: Ursula Grützmacher-Tabori, Rebecca Hughes - Produktion: Antoine de Clermont-Tonnerre, Martine de Clermont-Tonnerre, Ottokar Runze - Kamera: Michael Epp - Schnitt: Rebecca Runze - Musik: Bob Lenox - Verleih: Arsenal - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Nina Hoss, Meret Becker, Christian Nickel, Sylvester Groth, Stefan Kurt, Katharina Thalbach, Udo Samel
Kinostart (D): 21.10.1999

DVD-Starttermin (D): 30.11.-0001

IMDB-Link: http://www.imdb.de/title/tt0211112/